Auch Jürgen Grünauer und Gisela Fischer mussten sich diese Fragen für ihre verstorbene Ehefrau und Freundin, die Künstlerin Doris Grünwald, stellen. Ihre Antwort ist eine Retrospektive. Eine Einladung, sich gemeinsam an Doris zu erinnern – oder sie neu zu entdecken.
Vier Etagen, 20 Arbeiten und Werkgruppen. Drei Jahre Vorbereitung haben Jürgen und Gisela alias „Gilla“ in die Ausstellung gesteckt, die seit 16. Januar in der Galerie Prettyland auf dem Südwall zu sehen ist. Während dieser Zeit konnte man Jürgens Streifzug durch das Vermächtnis seiner Frau bereits auf Instagram folgen. In regelmäßigen Abständen postete er dort Gemälde, Zeichnungen und Fotos von Doris und teilte seine Gedanken dazu. „Ich mache diese Ausstellung aus tiefer Liebe zu ihr“, beginnt Jürgen den Rundgang durch die Retrospektive.
DORIS, GILLA UND JÜRGEN
Jürgen und Gilla verbindet beide eine lange und innige Beziehung zu Doris. Für Jürgen ist es Liebe auf den ersten Blick, als er seine spätere Ehefrau mit 16 Jahren bei der Amsterdam-Fahrt einer Schüleraustausch-Organisation kennenlernt. „Doris war redegewandt, konnte sehr gut denken, hat einen guten Zugang zu den Menschen gefunden“, erzählt er. „Eine kraftvolle Frau. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Und ich glaube, das hat auch jeder, der sie kannte, gespürt.“ Die beiden ziehen bald in Krefeld zusammen. Jürgen studiert an der Werkkunstschule Architektur, Doris geht an die Düsseldorfer Kunstakademie, verliert in der stark männerdominierten Umgebung jedoch zunächst die Freude an der Kunst. Sie wechselt nach Bielefeld in den Fachbereich Soziologie, während Jürgen in Hannover sein Diplom ablegt. 1980 kehren sie nach Krefeld zurück. Jürgen beginnt beim Hochbauamt. Doris ermutigt er, wieder künstlerisch zu arbeiten.
Ihre Freundin Gilla lernt Doris in ihrer Kindheit in Krefeld-Stahldorf kennen. Dort besuchen sie die gleiche Kirchengemeinde. Mehr als 30 Jahre später, 2003, gründen sie das Kollektiv „2 Zimmer, Küche, Diele, Bad“. „Obwohl wir uns schon lange kannten, merkten wir da erst das volle Potenzial unserer Begegnung“, sagt Gilla. Die beiden beziehen ein Atelier am Alten Grünen Weg, wo sie eine konstante künstlerische Praxis aufbauen. Die Ausstellung am Südwall zeigt eine Essenz dieser gemeinsamen Schaffensphase.
DIALOG ALS METHODE
Mit kritischem, humorvollem, feministischem und empathischem Blick widmen sie sich im Dialogprinzip unterschiedlichsten Themen. „Wir haben immer etwas, was uns über die Woche begegnet ist, zur Disposition gestellt. Wenn es bei uns beiden Anklang fand, haben wir es weiter bearbeitet“, erzählt Gilla. Mal sezieren sie die Gemälde großer Meister wie Holbein, mal die Eigenheiten verstorbener Schwiegermütter oder das Älterwerden. Dabei werden sie oft selbst zu den Protagonistinnen ihrer Arbeiten. Immer wieder rekapitulieren sie vergangene Ideen und Betrachtungsweisen – aus einem Impuls entstehen vielfältige Bearbeitungen.
Die Wahl der Medien und Materialien bleibt dabei offen und intuitiv. So finden sich in der Retrospektive Textilarbeiten nebst Fotomontagen, Performance-Videos, Gemälden und Mixed-Media-Objekten.
WISCHEN CHRONOLOGIE UND KATEGORIE
Diese Arbeitsweise wollen Jürgen und Gilla in der Galerie Prettyland greifbar machen: „Wir sind bei der Auswahl der Werke zunächst historisch vorgegangen“, erklärt Jürgen. „Aus jedem Jahr sollte etwas dabei sein. Aber nicht nur die Entwicklung über die Jahre, auch dieser Bezug zwischen den Einzelkomponenten war uns wichtig.“
Doris Vorarbeit sei dafür unerlässlich gewesen: Ihr digitales Werkverzeichnis ermöglicht Jürgen einen Überblick über das komplexe Werk der beiden Frauen. Gilla und Jürgen sichten die Werke und Werkgruppen im Atelier, ordnen und kuratieren sie. Über Kontakte kann Jürgen schließlich den Inhaber der Galerie Prettyland für die Idee der Retrospektive gewinnen. Der Aufbau der Ausstellung nimmt zwei Monate in Anspruch – denn in dieser Komplexität und Größe wurden die Arbeiten des Duos bisher noch nicht präsentiert.
Eine Besonderheit bildet die Werkgruppe „Und da saß ich in viel zu dünnem Gewand“ aus dem Jahr 2012. Grundlage dieser Arbeit war eine Zeitungsfotografie, die Geflüchtete der Fukushima-Katastrophe in pastellfarbene Decken gehüllt zeigt. Zutiefst beeindruckt vom Wechselspiel aus Farbästhetik und Bedeutungsschwere, die auf diesem Bild Hand in Hand gehen, haben Doris und Gilla ein „Hauskleid“ entwickelt und performativ in Szene gesetzt. Teile dieser Werkgruppe werden 2023 im Rahmen der Ausstellung „Produktive Räume“ in den Kunstmuseen Krefeld gezeigt. Es ist die letzte Ausstellung, an der sich die beiden Freundinnen noch gemeinsam beteiligen. Nur eine Woche nach der Vernissage verstirbt Doris.
WEITERMACHEN
Seither pflegen Jürgen und Gilla gemeinsam die Erinnerung – auch abseits der großen Retrospektive. Auch das Atelier am Alten Grünen Weg nutzen sie zusammen. Gilla weiterhin als Künstlerin, Jürgen als Hobby-Lyriker. „Anfangs haben wir überlegt, ‚2 Zimmer, Küche, Diele, Bad‘ weiterzuführen. Aber wir haben uns dagegen entschieden. Das war ein Thema, das aus der besonderen Freundschaft von Doris und Gilla entstanden ist“, sagt Jürgen. „Wir machen weiter – aber anders.“
Die Retrospektive Doris & Gilla 2003 – 2023 in der Galerie Prettyland (Südwall 55) läuft noch bis zum 29. März 2026. Instagram: jfgruenwaldgruenauer