Bauprojekt „Saal X“ Schönheit sichtbar machen!

Krefeld · Die Krefelder Innenstadt steckt voller architektonischer Schätze.

Holger Brincks, Claudia Schmidt und Christoph Tölke setzen sich für die Wertschätzung und sinnhafte Nutzung historischer Bausubstanz im Krefelder Stadtzentrum ein.

Foto: vertäll

Wie viele historische Gebäude und Stadträume es trotz Kriegszerstörungen noch in unserer Stadt gibt, hat die Kulturhistorische Städtebauliche Analyse der Krefelder Innenstadt deutlich gemacht.

„Wenn wir das bauliche und stadtplanerische Erbe erhalten und wiederherstellen, machen wir nicht nur die Schönheit der Krefelder Innenstadt sichtbarer“, betont Mitautorin Claudia Schmidt, „Wir aktivieren auch jede Menge Wohnraum.“

Nicht umsonst habe man das 2025 über die kulturhistorische Analyse veröffentlichte Buch ‚Krefeld, zeig uns dein Gold‘ genannt.

„Aber – grau ist alle Theorie“, bemerkt Schmidt mit einem verschmitzten Lächeln. „Um Menschen zu motivieren, etwas zu tun, muss man zeigen, dass es geht. Die Stadt hat vor allem Gestaltungsmöglichkeiten beim öffentlichen Raum. Die Häuser sind im Besitz vieler Einzelner und entsprechend ist die Initiative der Eigentümer gefragt. Je mehr gut renovierte und genutzte Häuser es in der Innenstadt gibt, desto mehr Menschen wollen hier wohnen.“

Gesagt, getan – so gründete Schmidt gemeinsam mit dem Architektenkollegen Holger Brincks und dem Restaurator Christoph Tölke eine GbR für die Renovierung eines Hauses direkt gegenüber vom Kaiser-Wilhelm-Museum und in Sichtweite des Westwalls.

HINWEISE ZUR GESCHICHTE GESUCHT!

Das Haus mit der Adresse Karlsplatz 8 war 2008 in den Besitz der Familie Brincks gelangt. Zuletzt stand es leer und war in einem renovierungsbedürftigen Zustand. Bis 2018 befand sich im Erdgeschoss das türkische Restaurant Antiochia. Ältere kennen vielleicht noch das Restaurant Portofino oder sogar noch das Wild- und Geflügelgeschäft van Well an diesem Standort.

„Da die ältere Geschichte des Hauses noch weitgehend unerforscht ist, haben wir unser Bauprojekt ‚Saal X‘ genannt“, erklärt Architekt Holger Brincks.

Bei den Restaurierungsarbeiten an der Decke wurde eine Signatur von 1896 gefunden. Eine Recherche alter Adressbücher, von einem hilfsbereiten Krefelder Bürger durchgeführt, habe ergeben, dass hier ein ‚Restaurateur’ bzw. ‚Wirth‘ namens Anton Schmitz ansässig war.

„Wir freuen uns sehr über weitere Hinweise, zum Beispiel aus Zeitungen von 1896“, sagt Brincks.

EINE UNENTDECKTE PERLE AM KARLSPLATZ

Das Innere des Hauses erweist sich nach ersten Renovierungsarbeiten als bisher unentdeckte Perle. Im hinteren Gebäudeteil gibt es einen wunderschönen großen Saal mit hoher Stuckdecke, die unter einer eingezogenen Decke verborgen gewesen war.

Auch die fein gearbeitete gusseiserne Säule vorne im Ladenlokal war durch eine Verkleidung verdeckt. „In den 60er und 70er Jahren hatte man keinen Sinn für die Schönheit historischer Architektur“, erläutert Claudia Schmidt. „Das war alles zu unpraktisch und musste entweder ganz weg oder wurde zumindest ‚wegepackt‘.“

DENKMALSCHUTZ IST NACHHALTIG

Zum Glück wurden viele Häuser rund um das Kaiser-Wilhelm-Museum schon in den 1980er Jahren unter Denkmalschutz gestellt, sodass hier einiges an historischer Bausubstanz erhalten blieb.

Daran können Schmidt, Tölke und Brincks jetzt anknüpfen und die Fördermöglichkeiten für die Wiederherstellung eines Denkmals nutzen.

„Bei unserem Umbau verwenden wir so viel wie möglich von den vorhandenen Baumaterialien, auch aus anderen Häusern“, beschreibt Restaurator Christoph Tölke. „Als dieses Haus errichtet wurde, war die Bauweise in der Regel zirkulär: Steine, Holzbalken, Fenster – alles war auf eine Mehrfachnutzung ausgerichtet. Baumaterialien waren sehr teuer. Wenn sich Nutzungsansprüche änderten, hat man Gebäudeteile zerlegt und aus alten Steinen neue Wände gebaut. Fenster und Türen hatten feste Maße und Proportionen. Wir haben hier auch Fenster aus einem anderen alten Haus eingebaut. Die haben auf den Zentimeter gepasst.“

Einwegmaterialien wie Beton und Kunststofffenster seien ein Phänomen der Moderne, ergänzt Claudia Schmidt. „Und einer Bauindustrie, die ihre Produkte verkaufen will. Ein Kunststofffenster hält 50 Jahre, danach zerbröselt es. Ein Holzfenster, das gut instandgehalten wird, hält ein paar hundert Jahre. Zur energetischen Ertüchtigung probieren wir jetzt Vakuumglas aus. Das ist nur acht Millimeter dick, isoliert aber so gut wie eine Dreifachverglasung.“

NUTZUNG MIT MEHRWERT

Wie bisher soll das Gebäude auch nach dem Umbau für Wohnen und Gewerbe beziehungsweise Gastronomie genutzt werden. Insgesamt sollen sechs separate Einheiten entstehen. Drei davon sind die Wohnungen in den Obergeschossen.

Eine vierte, sogenannte Atelierwohnung, soll im Erdgeschoss entstehen. Die wird dann zwischen dem Ladenlokal an der Straßenseite und dem Saal im Hinterhaus liegen.

„Es wäre aber auch denkbar, dass das gesamte Erdgeschoss zusammen gemietet wird“, sagt Christoph Tölke. Schon jetzt ist die Atmosphäre der lichtdurchfluteten Räume im Hinterhaus großartig. Auch der Ausblick auf zwei Gartenhöfe, die die Bauherren durch Entsiegelung neu gestaltet und schon vor Abschluss der Rohbauarbeiten bepflanzt haben.

„Hier haben wir eine 30 Zentimeter dicke Betonschicht aufgebrochen“, erinnert sich Christoph Tölke, „und auf der Fläche ein Hochbeet mit einer insektenfreundlichen Magerwiese geschaffen.“

POSITIVE BEISPIELE SCHAFFEN

Bei der Renovierung des Hauses am Karlsplatz wird auch mit der gemeinnützigen GmbH „Stadtreparatur Krefeld“ zusammengearbeitet – die vor allem zu dem Zweck gegründet wurde, brachliegenden, innerstädtischen Wohnraum zu aktivieren und die Bausubstanz nachhaltig und denkmalgerecht zu verbessern.

Mit guten Vorbildern sollen Hauseigentümer zum Mitmachen angestiftet und gegebenenfalls mit technischem und finanziellem Know-how unterstützt werden. Das Bauprojekt „Saal X“ ist ein solches Vorbild.

stadtreparatur-krefeld.de

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