Manfred Vogelsänger zwischen Werbung und freier Kunst Ein Leben für das Bild

Krefeld · Es gab eine Zeit, da reiste Top-Fotograf Manfred Vogelsänger mit großen Kreativ-Teams mehrfach im Jahr rund um die Welt, immer auf der Suche nach dem perfekten Licht, dem richtigen Ort, dem einen Moment.

Foto: vertäll

Seine Bilder und Filme wurden bestaunt und vielfach ausgezeichnet, prägten internationale Werbekampagnen. Dazu zählten Markenlabel wie Camel, McDonalds, Adidas, Ford, Mars, Pall Mall, FA oder Club Med. Als Vogelsänger in den 1980er-Jahren seine ikonischen Kampagnen realisierte, war Fotografie ein Handwerk im wortwörtlichen Sinn. Mit Bildern, die Geschichten erzählten, Abenteuer versprachen, Emotionen weckten. Die Fotoshootings waren aufwendig, riskant, oft physisch herausfordernd – und immer handgemacht. Keine Bildbearbeitung, keine digitalen Sicherheiten, keine künstliche Intelligenz. „Was vor der Linse nicht existierte, existierte auf dem Bild nicht“, sagt er heute. „Jeder Auslöser war eine Entscheidung ohne Rückfahrkarte – und jede Idee musste physisch, logistisch und technisch realisierbar sein.“

Für die „Camel Trophy ’81“ wurde der Graben im Dschungel vertieft und mit mehr Wasser gefüllt, damit die beiden kamel-gelben Jeeps noch dreckverspritzter waren und fast im Morast versanken.

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Nach wechselnden Wohn- und Arbeitssitzen – unter anderem in Düsseldorf und fast 10 Jahren in London – lebt und arbeitet der gebürtige Westfale Manfred Vogelsänger seit Jahren in Krefeld, in der historischen „Im Brahm Brotfabrik“ auf der Ritterstraße. Dort besuchen wir ihn seiner außergewöhnlichen Loftwohnung im Dachgeschoss mit 7 Metern Deckenhöhe. Bei einer gemeinsamen Tasse Tee gehen wir auf Zeitreise mit seinem persönlichen Kampagnen-Buch. „Was diese Zeit auszeichnete, war nicht nur Mut, sondern ein beinahe filmischer Produktionsaufwand am Set“, beginnt Manfred Vogelsänger den Rückblick. Für eine Kampagne der BHW-Bausparkasse ließ er ganze Häuser konstruieren – mit echten schweren Dachziegeln, jedoch innen völlig hohl und daher mit massiven Verstrebungen stabilisiert. Ein Motiv zeigte ein Haus auf einem Sattelschlepper.

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„Ich ließ die komplette Landstraße frisch asphaltieren, damit bei temporeicher Fahrt kein Schlagloch einen Riss verursachen konnte“, schmunzelt der sympathische Fotograf. Ein anderes Haus wurde von einer Dampflokomotive über eine eigens angemietete Bahntrasse gezogen. Um die gewünschte Bewegungsunschärfe im Hintergrund zu erzielen, mussten sogar Telegrafenmasten entlang der Strecke temporär entfernt und später wieder aufgebaut werden. „Heute wäre das ein Mausklick“, sagt Vogelsänger. „Damals war es eine logistische Meisterleistung.“ Auch bei einer Kampagne in Neuseeland wurde nicht akzeptiert, was die Realität vorgab – sondern sie wurde verändert. Das satte Grün, das das Gefühl von Frische und Weite transportieren sollte, existierte auf dem Hochplateau schlicht nicht. Also wurde das Gras kurzerhand eingefärbt, Weihnachtsbäume wie Requisiten in den Boden gesetzt und eine Landschaft erschaffen, die es so nie gegeben hatte – außer auf dem finalen Bild. Legendär ist auch das Shooting mit Tom Selleck, lange bevor er als „Magnum“ weltberühmt wurde. In der Wüste der USA saß er in einem Sportflugzeug, das eigens für den Dreh rot lackiert worden war. Mehrere Tankstopps, große Hitze, kaum Infrastruktur – doch das Bild sollte nicht nach Mühe aussehen, sondern nach müheloser Coolness. „Man musste dem Bild alles geben – und durfte ihm die Anstrengung nie ansehen“, erinnert sich Vogelsänger.

Für die aufwändige Kampagne der BHW-Bausparkasse wurden extra mehrere Häuser, die innen hohl waren, konstruiert.

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Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang – national wie international. Eine besondere Bedeutung misst Vogelsänger jedoch aktuell der Nominierung durch den ADC (Art Directors Club Deutschland) bei. Eine Würdigung für sein Lebenswerk. „Das hat mich tief berührt“, sagt er offen. „Von Menschen gesehen zu werden, die selbst visuelle Maßstäbe setzen, ist etwas anderes als ein Preis allein.“

„Tonight´s The Night“, LED Lightbox

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Nach einer außergewöhnlich erfolgreichen Karriere als Werbefotograf, Regisseur, Filmproduzent und Unternehmer (Vogelsänger Film GmbH Düsseldorf, Vogelsänger Studios) zog sich Vogelsänger aus dem operativen Geschäft zurück. Kein Bruch, sondern ein Übergang. „Irgendwann wollte ich keine Botschaften mehr verkaufen, sondern eigenständige kreative Prozesse gestalten – ohne Zeitdruck“, bekennt er, „die Hinwendung zur freien Kunstfotografie sowie der Bewegtbild- und Videokunst war keine Abkehr vom Bild – sondern eine Rückkehr zu seinem Kern.“ Bereits 1979 hatte er gemeinsam mit Peter Lindbergh ausgestellt. Doch erst jenseits der kommerziellen Verpflichtungen entwickelte sich sein Werk mit voller Konsequenz. Heute stehen Serien wie Photo-Destruktionismus, Blue Up, Girls.Girls. Girls. oder Le Mans 24h im Zentrum seines Schaffens – Arbeiten, die Fotografie nicht als fertiges Ergebnis begreifen, sondern als Prozess – voller Energie, Präzision und Emotion.

Charakteristisch für Vogelsängers aktuelle Arbeiten ist der experimentelle Umgang mit Fotomaterialien. Emulsionen werden verflüssigt, Collagen mehrfach bearbeitet, Bilder in Wasser getaucht und mit High-Speed-Kameras gefilmt. Fotografie wird Bewegung, Stillstand wird fließend. „Mich interessiert der Moment, in dem das Bild seine Kontrolle verliert“, beschreibt er diesen Ansatz. So entstehen Werke, die zwischen Fotografie, Film und Installation changieren. Sie sind intensiv, manchmal irritierend, oft meditativ, immer ausdrucksstark – und stets von einer großen formalen Präzision getragen. Dass viele dieser Prozesse sechs bis acht Wochen dauern, ist Teil der künstlerischen Haltung: Entschleunigung als Gegenentwurf zur digitalen Bilderflut. Vielleicht liegt die größte Veränderung nicht in der Technik, nicht im Markt und nicht einmal im Motiv, sondern im Blick. Manfred Vogelsänger hat gelernt, dass Bilder nicht lauter werden müssen, um stark zu sein. Dass Reduktion Tiefe erzeugen kann. Und dass es manchmal mehr Mut braucht, etwas wegzulassen, als es perfekt auszuleuchten. Seine heutige Arbeit wirkt wie ein Gegenentwurf zur rastlosen Bilderwelt – nicht aus Nostalgie, sondern aus Erfahrung. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier spricht jemand, der viel gesehen und sich dennoch die Neugier bewahrt hat. Einer, der nicht mehr sucht, um zu finden, sondern findet, weil er gelernt hat zu schauen.

Am 14. und 15. März öffnet sich dieser Raum auch für die Öffentlichkeit: Beim Kultur-Wochenende in der „Im Brahm Brotfabrik“ zeigt Manfred Vogelsänger gemeinsam mit weiteren Fotokünstlerinnen und Fotokünstlern aktuelle Arbeiten. Eine Einladung, Kunst nicht nur zu betrachten, sondern zu erleben – im Gespräch, im Austausch, im gemeinsamen Staunen. Am Ende bleibt der Eindruck eines Künstlers, der sich nie mit dem Offensichtlichen zufriedengegeben hat. Der gelernt hat, Bilder zu inszenieren – und sich dann erlaubt hat, sie loszulassen. Oder, wie er selbst es formuliert: „Am schönsten ist der Moment, wenn das Bild anfängt, ein eigenes Leben zu führen.“ Einen Vorgeschmack findet man auf den Webseiten: galleristic.com/de/kunst-kaufen/manfred-vogelsaenger