Und dann steht da plötzlich eine Band auf der Bühne,
deren Mitglieder zwischen 14 und 16 Jahre alt sind, und spielt Jazz mit einer Selbstverständlichkeit, die überrascht. Kein Schulband-Eifer, kein pädagogischer Sicherheitsabstand – sondern Spielfreude und Mut. Jazzblood heißt diese Formation, die sich an der Musikschule der Stadt Krefeld kennengelernt hat und seitdem nicht nur gemeinsam probt, sondern Preise gewinnt, Jurys überzeugt und Erwartungen verschiebt. Wer ihnen zuhört, vergisst schnell das Alter. Wer sie trifft, merkt: Hier wächst etwas heran, das mehr ist als ein Talentversprechen.
Samstagvormittag statt Freizeitprogramm
An einem sonnigen Samstagvormittag im wunderschönen Sollbrüggenpark ist der große Orchestersaal der Musikschule bereits erfüllt von Klang. Während andere ihr Wochenende mit Ausschlafen oder Freizeitaktivitäten beginnen, stehen hier vier Jugendliche auf der Bühne und proben – konzentriert, wach, mit sichtbarer Freude. Noch bevor das Interview beginnt, wird gespielt. Jazzblood ist in Bewegung, im Austausch, im Dialog. Musiklehrer und Mentor Oliver Hirschegger sitzt mit im Raum, hört zu, gibt Impulse, lässt aber vor allem Raum. Raum für Musik. Sein Musikerkollege Holger Dix ist ebenfalls Coach der Band – beide sind Dozenten der städtischen Musikschule Krefeld.
Vier Musiker, vier Wege – ein Sound
Die vier jungen Musiker sind Tim Schrader (Saxophon, 22.7.2011), Alex Vasile Invanciu (Saxophon, 14.1.2011), Julius Hirschegger (Piano, 23.7.2009) und Leonard Kramer (Drums, 4.12.2009). Begonnen hat das Projekt bereits 2020 – mit einem damaligen Durchschnittsalter von gerade einmal elf Jahren. Dass hier früh etwas gewachsen ist, überrascht nicht: Alle vier bringen eine musikalische Vorgeschichte mit. In ihren Familien wird musiziert, Musik gehört zum Alltag. Alex erzählt von seiner rumänischen Familie, in der Musik seit Generationen fest verankert ist. „Das steckt einfach an“, sagt er. Bei Julius war der Weg besonders naheliegend – „mein Papa ist selbst ambitionierter Jazzmusiker“. Oliver Hirschegger bestätigt diese Erfahrung aus pädagogischer Sicht: Je früher Kinder mit Musik in Berührung kommen und sie als etwas Positives erleben, desto größer
ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihnen ein Leben lang wichtig bleibt. Entscheidend sei dabei nicht der Druck, sondern die Freude. Wobei klar ist: Ohne Üben geht es nicht. Talent allein reicht nicht, wenn man – wie Jazzblood – in einer höheren Liga spielen will.
Freiheit, Zuhören, Zusammenspiel
Und genau das tun sie. Schon früh merkten die vier, dass sie musikalisch „grün“ miteinander sind – und dass Jazz ihr Ding ist. Warum?
Tim lächelt und bringt es auf den Punkt: Jazz mache einfach Spaß, weil man freier spielen könne, mit vielen Spielräumen. Julius ergänzt, dass man sich gemeinsame Vorbilder suche, sich aber nicht festlege. Strukturen seien wichtig, etwa bei den Soli, doch niemand „überfährt den anderen“. Man höre genau hin, was gerade passiert, und füge den eigenen Part sensibel hinzu. Ohne Allüren, ohne Showgehabe. Die Vorbilder sind groß: Charlie Parker, John Coltrane, Herbie Hancock. Entsprechend weit ist auch das stilistische Feld, in dem sich Jazzblood bewegt – von Bebop und Hardbop über Cool Jazz bis hin zu Soul- und Groove-Jazz. Für eine jazz-unbedarfte Hörerschaft vielleicht überraschend: Diese Musik lebt nicht von Lautstärke oder Effekten, sondern von Zuhören, Reagieren und Vertrauen.
Eigenschaften, die man Jugendlichen nicht immer sofort zuschreibt – die hier aber hörbar sind.
Mut statt Zurückhaltung
Gerade Jazz, so Oliver Hirschegger, bedient bei jungen Musikerinnen und Musikern einen natürlichen Spieltrieb. Er lässt Freiräume, fordert Kreativität und Mut. Erwachsene seien da manchmal vorsichtiger, zurückhaltender oder sogar ängstlicher. Die Jungs von Jazzblood hingegen trauen sich etwas. Das zeigt sich besonders auf der Bühne: Live spielen sie oft noch besser als in der Probe. Spontanität gehört dazu – und genau das macht Jazz lebendig.
Preise, Perspektiven und Pläne
Der Bandname war schnell gefunden: Jazzblood. Leidenschaft, Herzblut, Musik im Blut. Und ganz pragmatisch war der Name auch Voraussetzung, um bereits nach wenigen Monaten an einem renommierten Wettbewerb teilnehmen zu können: „Jugend jazzt“. Dass der Name Programm ist, bestätigten die Jurys eindrucksvoll. Beim Landeswettbewerb 2021 erreichte die Band einen zweiten Preis. 2023 folgten ein erster Preis sowie drei Solisten-Förderpreise. In den Jahren 2024 und 2025 kamen weitere erste Preise und Förderpreise in der Solistenwertung hinzu. Eine beeindruckende Serie – und alles andere als selbstverständlich. Trotz dieses Laufs bleiben die vier erstaunlich bodenständig. Auftrittsmöglichkeiten nehmen sie gern wahr, auch Anfragen aus privatem oder unternehmerischem Umfeld sind willkommen. Und die Zukunft? Die sieht jeder ein wenig anders. Alex kann sich ein Leben als Musiker sehr gut vorstellen – mehr noch: Es ist sein Lebenstraum. Julius sieht die Musik als größte Leidenschaft, beruflich aber eher eine Zukunft im IT-Bereich. Tim denkt an Marketing oder Eventmanagement und nennt nebenbei auch Fußball als wichtiges Hobby. Geprobt wird zuhause trotzdem – oft, ehrlich gesagt. Denn ohne Fleiß keine Freiheit. „Und manchmal abhängig von der Toleranz des Nachbarn“,
schmunzelt Alex. Das private Umfeld reagiert durchweg positiv auf die musikalischen Erfolge. Unterstützung, Anerkennung, Stolz – all das ist spürbar. Ein Wunsch für die Zukunft ist noch offen: Jazzblood sucht einen festen Bassisten oder eine Bassistin. Das Alter spielt keine Rolle - idealerweise mit derselben Leidenschaft für Jazz. Wer also Jazz im Blut hat und Lust auf echtes Zusammenspiel, auf Freiheit, Verantwortung und Groove – hier wartet eine Band, die zeigt, dass Jazz kein Alter kennt. Und dass große Musik manchmal ganz leise anfängt: an einem Samstagvormittag im Sollbrüggenpark.
https://www.instagram.com/jazzblood_kr/