Vereinzelt sind auch Häkelnadeln zu sehen. Schnell herrscht im lichtdurchfluteten Raum eine Kaffeeklatsch-Atmosphäre, die an Omas Zeiten erinnert – aller dings nicht etwa konservativ oder steif, sondern frisch, divers und aufgeschlossen.
VOM EIGENNUTZ ZUR GEMEINNÜTZIGKEIT
Zweimal im Monat organisiert Meret Lüderitz diese Stricktreffs, deren offenes Konzept und aufgeschlossene Teilnehmerinnen es einem leichtmachen, mit einzusteigen/sich willkommen zu fühlen. Begonnen hat das Projekt als kleiner privater Stricktreff unter Freundinnen. Meret ist geborene Krefelderin und eigentlich Erzieherin, wurde aber wie viele junge Frauen als Kind von der Großmutter an die textile Handarbeit herangeführt. „Meine Oma hat immer gestrickt“, erzählt sie lachend, „sie war allerdings keine geduldige Lehrerin und ich auch keine fleißige Schülerin.“ Irgendwann gab es die ersten eigenen Stricknadeln geschenkt, den Rest hat sich Meret dann als Teenagerin via YouTube angeeignet. Das Stricken wurde zum Hobby, auch zum Runterkommen von Job und Alltag. Anfang 2025 fand schließlich der erste öffentliche Stricktreff im Liesgen statt. Es folgten Formate wie das „Strick-Nick“ im Stadtwald, „Stricken, Schnacken, Schnaps“ in der Bar Gloriette und sogar Strick-Kino-Events in Düsseldorf.
OFFENHEIT AUF MEHREREN EBENEN
Weil Merets Angebot so gut ankommt und die „Samt- und Seidenstrick“-Gemeinschaft stetig wächst, mussten zum letzten Winter hin größere Räumlichkeiten für den offenen Treff her. Mit dem Nachbarschaftszimmer in der alten Samtweberei war schnell ein Ort gefunden, der zentral liegt, dank Bezahlung auf Spendenbasis niedrigschwellig und damit auch wirklich offen für alle ist. Das ist Meret besonders wichtig, schließlich könne sich heutzutage nicht mehr jede die gestiegenen Gastropreise leisten. Mittlerweile umfasst die zugehörige WhatsApp-Community über 60 Mitglieder, Meret selbst schmeißt die Orga im Alleingang. Wer Mitglied werden möchte, muss dem Gruppenkonsens zustimmen: Für Sexismus, Rassismus und blöde Sprüche ist im Stricktreff und der Community drumherum kein Platz.
HANDWERK VERBINDET
Im Nachbarschaftszimmer beginnen die Stricknadeln rhythmisch zu klappern, während sich die Teilnehmerinnen untereinander rege über verschiedenste Themen austauschen. Da geht es um geplante Sommerurlaube, Feminismus, Kuchenrezepte, vor allem aber ums Stricken. Von Stirnbändern über Socken hin zu ganzen Pullovern variieren die Schwierigkeitsgrade der mitgebrachten Projekte genauso wie die Fähigkeiten und das Alter der anwesenden Frauen. Während die jüngste Teilnehmerin gerade mal neun Jahre alt ist, hat die Gruppenälteste vor kurzem ihren 85. Geburtstag gefeiert. Von einer Altersbegrenzung des Angebots sieht Meret dabei ganz bewusst ab. „Sonst schließt man sich irgendwann selbst aus“, meint Meret und weist darauf hin, dass Handarbeit durch die Generationsverständigung nur gewinnt. Trotzdem sei sie zunächst selbst überrascht gewesen, wie durchmischt die Altersklassen bereits bei den ersten Anmeldungen waren. Vor Ort im Nachbarschaftszimmer wird die Verständigung unter den Generationen praktisch umgesetzt. Als die „Magic Cast On“-Technik bei einer Strickanfängerin nicht so recht klappen will, eilt eine erfahrenere Teilnehmerin zur Hilfe. Umgekehrt zeigen die Jüngeren den Älteren die neuesten YouTube-Tutorials und Strickcontent auf Instagram. Dass es den Anwesenden nicht bloß darum geht, ihre jeweiligen Projekte umzusetzen, sondern durch gegenseitige Hilfe Erlebnisse von Selbstwirksamkeit und Zusammenhalt zu schaffen, erzeugt eine besondere Wärme im Raum.
FRISCHER WIND IST WICHTIG
Schon in der Vergangenheit dienten Handarbeitstreffs als geschlechtsspezifische Räume, in denen Frauen sich außer halb der männlich dominierten Öffentlichkeit und ohne Überwachung austauschen konnten. Das führte langfristig zu weiblicher Selbstorganisation, Solidarität und somit auch zu den ersten feministischen Frauenbewegungen. Für Meret führt sich der Stricktreff mittlerweile fast wie so ein Frauenkreis an – wobei ihre Handarbeitsrunden, das ist ihr wichtig, für jeden offen und auch männliche Teilnehmer gern gesehen sind. Die Organisatorin ist gespannt, wie sich der Treff künftig noch entwickeln wird. Inhaltlich hat sich jedenfalls schon einiges getan: Neben Stricken und Häkeln steht mittlerweile sogar ab und zu Spinnen als textile Kreativdisziplin auf dem Plan. Auch Sticken könnte sich Meret in Zukunft vorstellen. „Frischer Wind ist wichtig“, sagt sie und lacht: „Das einzige Problem ist so langsam das Auswendiglernen der vielen neuen Namen…