Das Theater Krefeld wird zum Musicalhaus, und inszeniert wird ausgerechnet das bekannteste Schiffsunglück der Geschichte. „Die Titanic samt Eisberg auf einer Bühne“, mag man sich fragen. „wie soll das denn gehen?“ Doch wenn das Genre Musical in Stücken wie „Les Misérables“, „Miss Saigon“ oder „Elisabeth“ erfolgreich den Pariser Juniaufstand, den Vietnamkrieg oder das Leiden der Kaiserin Sisi an den Broadway bringen kann, wieso dann nicht auch den Untergang des seinerzeit größten Passagierdampfers der Welt?
Tatsächlich feierte das Musical des Komponisten Maury Yeston und des Librettisten Peter Stone schon am 23. April 1997 Premiere am Broadway – und damit fast ein halbes Jahr früher als der preisgekrönte Film von James Cameron. Möglicherweise überstrahlte der Erfolg des Blockbusters die Bühneninszenierung, jedenfalls ließ der durchschlagende Erfolg des Musicals zunächst auf sich warten.
Doch in den letzten Jahren erlebte der Dramenstoff ein Comeback an deutschen Bühnen – so nun auch in Krefeld. Die Inszenierung am Gemeinschaftstheater ist eine Koproduktion mit dem Theater Osnabrück, wo Regisseur Ansgar Weigner das Musical erstmals 2023 erfolgreich zur Aufführung brachte.
Das Publikum des Gemeinschaftstheaters kennt Weigner durch seine Inszenierungen von „Don Pasquale“, „Frau Luna“, „Rusalka“ oder „Die Nachtwandlerin“.
Für Bühnen- und Kostümbild zeichnet Darko Petrovic verantwortlich, der bereits über 100 Produktionen an verschiedenen Häusern betreut hat. „Ich schaue mir die Stücke als Gesamteindruck an, suche das Essenzielle und baue davon ausgehend das Bühnenbild auf. In diesem speziellen Fall hatte ich sofort das Bild dieses Schiffs im Dunkeln mit leuchtenden Bullaugen im Kopf“, sagt Petrovic. „Darüber hinaus habe ich das Bühnenbild eher schlicht gehalten und mit Elementen aus der Maschinerie des Schiffs gearbeitet.“
Alles Weitere, wie soziale Klassen und auch den spezifischen Ort mancher Handlungen, suggerieren Projektionen, dezente Requisiten und vor allem die Kostüme. „Das Bühnenbild für unsere Titanic-Inszenierung liegt in der Norm, das Kostüm ist außerordentlich! Es sind 120 verschiedene Kostüme, die auf der Inhaltsebene viel tragen müssen. Die Kleidung erzählt, was das Bühnenbild offenlässt“, sagt der Theatermacher. „Ich muss die Kostümabteilung sehr loben, die hat sich wirklich ins Zeug gelegt! Viele Darsteller spielen unterschiedliche Rollen und haben drei verschiedene Kostüme an. Es gibt viele schnelle Umzüge während des Stücks, die hinter der Bühne betreut werden müssen. Das ist auch logistisch eine große Herausforderung.“
Als das von der Presse seinerzeit als unsinkbar postulierte Schiff am 10. April 1912 zu seiner Jungfernfahrt aufbrach, befanden sich an Bord 2224 Menschen. 41 von ihnen spielen im Musical tragende Rollen, darunter der Kapitän Edward John Smith, der Schiffseigentümer Joseph Bruce Ismay, der Heizer Frederick Barrett, der Funker Harold Bride, Offizier James P. Moody, Schiffskonstrukteur Thomas Andrews, der Steward Henry Etches sowie die Passagiere Alice und Edgar Beane, Ida und Isidor Strauß, Kate McGowan und Jim Farrell.
Anders als im Cameron-Film wurden im Musicalstoff nur reale Personen verarbeitet. Ihre Biografien können in einer Begleit-Ausstellung im Foyer des Theaters nachgelesen werden. „Es ist gelungen, aus diesen Einzelschicksalen einen ganzen Theaterabend zu gestalten, der wirklich eine Spannung hat. Und das ist nicht leicht“, findet Darko Petrovic. „Normalerweise hat man in Filmen und Theaterproduktionen eine Geschichte mit wenigen Protagonisten. Bei diesem Musical sind es viele unterschiedliche Episoden, die trotzdem ein spannendes Gesamtkonzept bilden. Durch die Erzählform ist es fast, als wären die Zuschauer selbst Passagiere, die im Rahmen einer Schiffsreise nach und nach andere Leute kennen und manche von ihnen auch lieben lernen.“
Die Hauptrollen übernehmen Gastdarsteller, ebenso wie bekannte Gesichter aus dem Musiktheater und Schauspiel des Theater Krefeld und Mönchengladbach wie Rafael Bruck, Markus Heinrich, Michael Ophelders, Matthias Wippich, Gabriela Kuhn und Susanne Seefing.
Besonders freuen dürfte das Krefelder Publikum das Wiedersehen mit Debra Hays, die für Titanic noch einmal in der rührenden Rolle der Ida Strauß zurückkehrt.
Céline Dion-Fans müssen übrigens stark sein: „My Heart Will Go On“ kommt im Musical nicht vor. Berührende Liebeslieder hält Titanic – Das Musical aber trotzdem bereit. Weitere Songs handeln von Aufbruch und der Hoffnung auf etwas Größeres, vom Streben nach Aufstieg und von Schuld.
Darko Petrovics Lieblingsszene ist das Ende vom ersten Akt, verrät er, einer der reduziertesten Momente auf der Bühne: „Im Text werden in diesem Moment viele unterschiedliche Räume und Wahrnehmungen parallel erzählt. Bis auf wenige Möbel auf der Drehscheibe ist die Bühne vollkommen leer. Durch die Drehung und die Musik entsteht eine sehr intensive Atmosphäre –
ich finde, es ist die beste Szene im Stück!“
Ob das Krefelder Publikum es genauso sieht? Das wird sich im Herbst herausstellen, wenn die Titanic zur neuen Spielzeit am Theater Krefeld anlegt.
Karten für Titanic – Das Musical gibt es unter theater-kr-mg.de, los geht’s in Krefeld mit der Soiree am 28. Oktober 2026.
Theater Krefeld und Mönchengladbach
Theaterplatz 3, 47798 Krefeld
theater-kr-mg.de theater.krmg
Die deutsche Übersetzung des englischsprachigen Musicalstoffs stammt von Wolfgang Adenberg, der für viele bekannte Musicalübersetzungen wie etwa die zu „Mary Poppins“, „Rocky – Das Musical“ oder „We Will Rock You“ verantwortlich ist.
Das Musical basiert auf dem Buch „A Night to Remember“ von Walter Lord aus dem Jahr 1955. Alle Protagonist*innen sind realen Personen nachempfunden.
Die Schiffszenerie hat Bühnenbildner Darko Petrovic ins Nächtliche gelegt: Stets glaubt man sich unter einem dunklen, weiten Himmel zu befinden. Besonders aufwendig an der Musicalproduktion ist das vielseitige Kostümbild für über 40 Darstellerinnen und Darsteller.