Auf einer unscheinbaren Innenstadtstraße liegt, verborgen hinter einem schlichten Metalltor, die Verheißung, dieses Ungewöhnliche wiederzufinden. Die Fotografin Ida von Aves lädt im Rahmen sinnlicher Fotoshootings dazu ein, Teile seiner Selbst zu inszenieren, die unter dem Alltag verschüttet liegen. Ein Ansatz, der ihr bereits über 30.000 Follower*innen auf Instagram beschert hat, viele davon aus den USA und den europäischen Nachbarländern. „Es kommen sehr unterschiedliche Kund*innen hierher, vorwiegend weiblich gelesene Menschen und Personen aus der LGBTQ-Community. Was sie untereinander verbindet, ist, dass sie oft in einer Rolle feststecken und eine Möglichkeit suchen, daraus auszubrechen“, erzählt Ida, eine warme, offene Frau im schwarzen Zweiteiler mit leuchtenden Augen und weißbraun gescheiteltem Haar, die ihren Gästen unmittelbar das Gefühl gibt, nicht zum ersten Mal bei ihr zu sein.
Konventionen brechen
Seit 2022 ist Idas Markenzeichen das Compositing von historischen Gemälden mit dynamischen Porträts. Mit historisierenden Kostümen, empathischer Anleitung und gezielter Beleuchtung hilft die Fotografiemeisterin ihren Kund*innen, sich für einige Stunden in sinnliche Wesen zwischen kriegerischer Kraft und romantischer Verklärung zu verwandeln, und versetzt sie mit gekonnter Bildmontage schließlich in ein passendes Sujet.
Idas Arbeit lebt vom Mut zum Genre- und Stilmix. Man könnte sagen: Sie mischt das Beste aus allen für ihren persönlichen Stil geeigneten Welten: Das Erzählerische ihrer Fotografien entlehnt sie der stark symbolisch aufgeladenen Kunst der Präraffaeliten, die Lichtstimmung ist angelehnt an die der Barockmalerei und die kompositorischen Elemente erinnern an die Renaissance. Die Sujets wiederum lassen an John Everett Millais, Dante Rosetti oder die alten niederländischen Meister denken. Zum Teil zitiert Ida auch sehr eindeutig bekannte historische und folkloristische Stoffe.
Unter den über 350 Bildern auf ihrem Kanal finden sich diverse Hommagen an berühmte Sagengestalten, historische und literarische Figuren. Anders als im Cosplay oder Live-Action-Role-Play geht es Ida bewusst nicht darum, historische Akkuratesse abzubilden. Vielmehr möchte sie herauszufinden, worin sie sich wohlfühlen – der historische Stoff dient als Inspiration, nicht als Vorlage.
Sich selbst neu erfinden
Menschen, denen im normalen Leben oft schon Passbild-Shootings unangenehm sind, wachsen in Idas Sessions so über sich hinaus, dass sie äußerliche und innerliche Hüllen fallen lassen. „Mir wird oft gesagt, ich könne anderen in die Seele gucken“, sagt sie lächelnd. Ihre funkelnden hellblauen Augen, lassen vermuten, dass da was dran ist. „Eigentlich gebe ich den Leuten vor allem ihren Raum und versuche, im richtigen Moment zu sehen, was die Person braucht. Manchmal, besonders am Anfang, helfe ich mit Bewegungsimpulsen.“
Ein Schulterkreisen, ein Hin- und Her-Wiegen, ein dezenter Tipp zur Handhaltung. Oft sind es kleine, eher unscheinbare Bewegungen, die eine große Wirkung erzielen. Einen besonderen Effekt für das Gefühl vor der Kamera entfaltet auch die historische Kleidung, die Ida ihren Kund*innen für die Sessions bereitstellt. Viele von ihnen stammen aus Theatern und verraten dank erhaltener Einnäher sogar noch, für welche Rolle sie einst gedacht waren. „Wenn jemand ein historisches Kleid anzieht, macht das unheimlich viel mit der Person. Kommen dann noch Accessoires und Requisiten dazu, eröffnet das ganz andere Arten, sich zu bewegen. Besonders Mütter geben mir oft die Rückmeldung, dass sie im Rahmen dieser Shootings einer Art von Stärke Ausdruck verleihen, die sie im Alltag nicht zeigen können“, sagt Ida.
Ein vielseitiger Werdegang
Neben einer besonderen Empathie kommt Ida bei der Arbeit im Studio ihr „für deutsche Verhältnisse sehr belebter“ Lebenslauf zugute, dessen vermeintlich unzusammenhängende Stationen in den intensiven Fotosessions Anwendung finden. Zwischen Trier und Koblenz, einem der wohl verwunschensten Teile Deutschlands, wächst Ida auf. Nach dem Abitur beginnt sie erst eine Musicalausbildung in Frankfurt am Main, muss diese aber aufgrund einer Verletzung abbrechen. Bewegungsübungen aus dem Tanz wendet sie heute an, um ihren Models das Posieren zu erleichtern.
Nach dem abrupten Ende ihres ersten Ausbildungswegs braucht Ida einen Tapetenwechsel, um von vorn anfangen zu können. Mit ihrem Wellensittich und ein paar Koffern im Gepäck zieht sie nach Greifswald und beginnt an der dortigen Universität ein Studium der Kunstgeschichte. Später wechselt sie zu den Lehramtsfächern Kunst und Religion, aus denen sie Inspiration für ihre heutigen Bildkompositionen zieht. „Mein Lieblingspart in der Kunstgeschichte war mittelalterliche und Renaissance-Kunst. Auch Ikonografie hat mich immer interessiert“, sagt sie. In Leverkusen findet Ida schließlich unverhofft eine Arbeits- und Ausbildungsstelle bei einem Fotografen, ehe sie für mehrere Jahre in den Bereich Retail & Sales beim Düsseldorfer Fotolabor Whitewall einsteigt und die Meisterprüfung ablegt – die technische Grundlage für ihr heutiges Handwerk.
Ein Safe Space
Trotz aller Stilisierung geht es Ida im Kern ihrer Sessions darum, die Fotografierten authentisch und mit allen vermeintlichen Schwachstellen zu zeigen. Unperfektheiten werden nicht unter den wallenden Kleidern versteckt oder später wegretuschiert, im Gegenteil: Nackte Haut, Narben, Körperbehaarung und das Körpergewicht, bleiben so sichtbar, wie sie zur echten Person gehören. Was Idas Arbeit so anziehend macht, ist sicherlich ihre zutiefst feministische und queer-positive Energie: Mit dem Studio auf der Roßstraße und ihrem reichweitenstarken Social-Media-Kanal schafft sie einen Raum, in dem Menschen nicht inszeniert oder angepasst, sondern gesehen werden wie sie sind – stark, verletzlich, unerschrocken und nicht-normativ. In einer Welt, in der weiblich gelesene und queere Menschen nach wie vor unterdrückt oder angegriffen werden, sind es Erlebnisse von eigener Stärke, von Sicherheit, Gemeinschaft und ein bisschen Magie, die von den Betroffenen gesucht und an diesem unscheinbaren Ort mitten in Krefeld gefunden werden.