Manche Menschen zählen die Jahre. Andere füllen sie mit Leben. Helga Mewes gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Wenn die Krefelder Künstlerin im August ihren 90. Geburtstag feiert, blickt sie auf ein außergewöhnlich erfülltes Leben zurück – und vor allem auf eines, das bis heute von Neugier, Kreativität und Tatkraft geprägt ist. Wer sie in ihrem Haus am Breiten Dyk besucht, spürt schnell: Hier wohnt kein Mensch im Ruhestand. Hier lebt jemand, der jeden Tag als Einladung versteht, Neues zu entdecken.
Geboren wurde Helga Mewes 1936 in Nordhausen. Seit 1955 ist Krefeld ihre Heimat. Beruflich arbeitete sie viele Jahre als physikalisch-technische Assistentin bei der Stadtverwaltung. Doch mit dem Ende des Berufslebens begann für sie keineswegs der Rückzug – vielmehr startete ihr „zweites Leben“.
DEM HOLZ SEINE SEELE ZURÜCKGEBEN
„Danach wollte ich raus in die Natur, in die Welt und fremde Länder und Kulturen erleben“, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann bereiste sie zahlreiche Länder. Alte Kulturen, ihre Kunst und ihre Schriften wurden zu einer bleibenden Inspirationsquelle. Bereits seit 1985 widmet sich Helga Mewes intensiv der Kunst. Im Laufe der Jahre entwickelte sie ihre ganz eigene Handschrift und konzentrierte sich schließlich auf Holz- und Sandobjekte – bis heute, wie ihre Visitenkarte verrät.
Ihre Werke entstehen nicht am Reißbrett, sondern beginnen mit einem Spaziergang. Im Wald entdeckt sie Wurzeln, Äste oder Baumstämme, deren verborgene Formen andere oft übersehen. Größere Fundstücke mussten sogar schon mit einem Traktor nach Hause transportiert werden. Dort beginnt ein geduldiger Prozess: Zunächst wird die Rinde vollständig entfernt, anschließend trocknet das Holz rund zwei Jahre. Erst dann arbeitet Mewes das Material behutsam heraus. Dabei verändert sie dessen natürliche Gestalt kaum. Ihr Credo lautet: „Ich gebe dem Holz seine Seele zurück.“
Mit dieser Haltung hat sie sich weit über Krefeld hinaus einen Namen gemacht. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen und Galerien präsentiert. Einen besonderen Ritterschlag bedeutete die dauerhafte Präsentation von rund 20 ihrer Werke an der renommierten Holzfachschule in Bad Wildungen.
KUNST, DIE GUTES BEWIRKT
Kreativität versteht Helga Mewes jedoch nie als Selbstzweck. Über mehr als 25 Jahre engagierte sie sich als Botschafterin der von Karlheinz Böhm gegründeten Stiftung „Menschen für Menschen“. Mit Ausstellungen, Vorträgen und Präsentationen sammelte sie Spenden für nachhaltige Hilfsprojekte in Äthiopien. Den Erlös ihrer Kunst stellte sie dabei immer wieder in den Dienst des guten Zwecks .Auch im Kleinen bereitet sie anderen gern Freude. Als sie während unseres Gesprächs beiläufig von einer Kinder- und Jugendgruppe erfuhr, die im September einen Tagesausflug in die Niederlande unternehmen möchte, besorgte sie kurzerhand die Vornamen aller Teilnehmenden und gestaltete für jedes Kind eine Stofftasche mit individuellem Namenszug. „Anderen eine Freude zu bereiten, erfreut mich ebenso und hält mich innerlich jung“, sagt sie mit einem Lächeln.
EINE BOTSCHAFT, DIE MUT MACHT
Vielleicht ist genau das ihr wichtigstes Lebenswerk: anderen Menschen Mut zu machen, den Ruhestand nicht als Endstation, sondern als Aufbruch zu verstehen. Nicht der Fernsehsessel, sondern Offenheit, Bewegung, Kreativität und Begegnungen halten den Geist lebendig. Helga Mewes beweist eindrucksvoll, dass Lebensfreude kein Alter kennt – sondern eine Haltung ist.