Angefangen hat alles auf dem Weihnachtsmarkt in Mönchengladbach. Im November 2017 zog Martin Müllner an den Alten Markt, mitten in die Altstadt. Beim Renovieren mussten die Fenster offen bleiben. Draußen dröhnte der Weihnachtsmarkt – Jingle Bells & Co. in Endlosschleife. „Irgendwann hatte ich die Wahl: Entweder flüchtest du komplett oder du gehst auf einen Glühwein runter und mischst dich unters Volk“, erinnert sich Müllner. Er entschied sich für den Glühwein.
Am Glühweinstand passierte es dann. Müllner sah drei Paare, die sich direkt vor seiner Nase küssten – alle gleichzeitig, fast wie abgesprochen. „Da hat es Klick gemacht“, erinnert er sich. Wieder in seinen vier Wänden, suchte Müllner das Kussfoto eines Brautpaares heraus, das er einmal fotografiert hatte, bastelte sich einen Button mit der Aufschrift „KussJäger“ und heftete ihn an seine Winterjacke. Die Kussjagd konnte beginnen…
In inzwischen achteinhalb Jahren hat der Mönchengladbacher mehr als 15.800 Kussfotos von über 36.000 Menschen aufgenommen – auf Weihnachtsmärkten, Festivals, Stadtfesten und Kirmes-Veranstaltungen. Die Bilder stellt er den Porträtierten kostenlos als Datei zur Verfügung. Wer möchte, kann zusätzlich hochwertige Drucke bestellen. Der kommerzielle Aspekt steht für ihn jedoch nicht im Vordergrund. „Die Serie ist vor allem ein Kunstprojekt.“
Anders als die berühmte „Kiss Cam“ in amerikanischen Stadien bittet der KussJäger stets um Erlaubnis, bevor er „knipst“. Oft spricht er nicht nur Paare an, sondern auch Freundesgruppen oder Familien. Dabei entstehen immer wieder überraschende Motive, wie er erzählt. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Paar jenseits der 90. „Die haben sich von mir überhaupt nicht mehr stören lassen und sich eine gefühlte Ewigkeit geküsst.“
Warum es Müllner ausgerechnet Küsse so angetan haben, dazu sagt er: „Der Kuss ist ein unglaublich starkes Symbol – vom ersten Kuss einer Mutter für ihr Neugeborenes bis zum Abschiedskuss eines Paares steckt darin eine enorme emotionale Bandbreite.“ Als langjähriger Streetfotograf habe ihn das Motiv schon immer fasziniert. Heute sieht er darin noch mehr: einen „Gegenpol zu einer zunehmend digitalen und distanzierten Welt“.
Tatsächlich beobachtet Müllner seit der Corona-Pandemie einen deutlichen Wandel. „Menschen zeigen sich in der Öffentlichkeit viel weniger intim. Selbst Händchenhalten ist seltener geworden“, so seine Beobachtung. Umso wichtiger sei es für ihn, jene Momente festzuhalten, in denen Nähe sichtbar wird.
Seine Bilder entstehen grundsätzlich in Schwarz-Weiß. Ursprünglich war das eine praktische Entscheidung. Auf Weihnachtsmärkten sorgen bunte Lichter oft für störende Farbstimmungen. Doch inzwischen gehört der Look fest zur Serie. „In Schwarz-Weiß konzentriert sich alles auf den Moment und die Emotion“, erklärt der Fotograf.
Die Kussjagd führt Müllner längst weit über die Grenzen von Mönchengladbach hinaus. Ob Bochum Total, Rheinkirmes in Düsseldorf, Weihnachtsmärkte in Hattingen oder Stadtfeste am Niederrhein – überall trifft er auf Menschen, die bereit sind, für einen Augenblick ihre Zurückhaltung abzulegen. Inzwischen sprechen ihn Besucher sogar selbst an. „Sie sehen das Kuss-T-Shirt, das ich inzwischen statt des Buttons trage, kommen auf mich zu und sagen: Wir möchten bitte ein Kussfoto!“
Natürlich erlebt Müllner auch kuriose Situationen. Da waren die jungen Männer bei einem Festival, die dabei fotografiert werden wollten, wie sie sich gegenseitig den Allerwertesten küssen, oder der Mann, der am Tag nach einer feucht-fröhlichen Weihnachtsmarkt-Nacht darum bat, sein Bild doch lieber wieder zu löschen. Für den Fotografen selbstverständlich. „Der Kuss ist etwas sehr Intimes. Wenn jemand sich unwohl fühlt, respektiere ich das.“
Wenn Müllner nicht auf Kussjagd ist oder Auftragsarbeiten erledigt, widmet er sich einem anderen außergewöhnlichen Fotoprojekt. In seiner Serie „Augenblicke“ fotografiert er Spiegelungen in menschlichen Augen. Gebäude, Menschen oder ganze Stadtszenen werden dabei in der Iris sichtbar – ganz ohne Bildbearbeitung oder künstliche Intelligenz.
Die Kussjagd bleibt aber sein großes Herzensprojekt. Für die kommende Festivalsaison hat er sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Zahl seiner Aufnahmen soll weiter rasant wachsen – auf mindestens 30.000 Fotos. Denn für ihn ist jeder Kuss weit mehr als nur ein Foto. „In einer Zeit, in der vieles trennt, zeigt ein Kuss immer noch, was Menschen verbindet.“