Niederrhein Das kleinste Strommuseum der Welt

Niederrhein · Von Adenauers beleuchtetem Stopfpilz bis zum Hochfrequenz-Bestrahlungs-Apparat für strahlende Gesundheit - allerhand Seltenes und Kurioses findet man im kleinsten Strommuseum der Welt. Wo es steht? „Damm. Damm. Damm. Damm“ Ja, dann auf nach Damm!

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Das kleinste Strommuseum der Welt

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Der weiße Turm mit dem Ochsen drauf, grüne Wiese daneben, blauer Himmel mit weißen Wölkchen drüber - schöne Grüße aus Schermbeck-Damm im Kreis Wesel! Dass ich beinahe an diesem Postkartenmotiv vorbeigefahren bin, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass mein Navi wirklich will, dass ich von der B58 in diesen kleinen Weg links abbiege - geschenkt.

Im Jahr 2005 begann der Betreiber RWE, die Trafostationen im ganzen Land nach und nach außer Betrieb zu nehmen, weil die Leitungen unter die Erde verlegt werden sollten. Dem 1911 erbauten Turm drohte der Abriss. Doch der Dammer Ochse bewahrte das schmucke Bauwerk vor dem Abrisstrupp.

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Hermann Göbel hat für meinen Besuch schon alles vorbereitet: Der Aufsteller steht draußen, der Ständer mit den Flyern ebenfalls. Ich muss an einen kleinen Leuchtturm an der Nordsee denken, dem ich in meinem Urlaub einen Besuch abstatte. Sie merken hoffentlich, worauf ich hinaus will: Es ist einfach schön hier!

Der Ehrenvorsitzende des Turmvereins Damm e.V. empfängt mich freundlich und lässt den ersten Vorsitzenden Christian Ewald entschuldigen, denn neben dem Ehrenamt hier, gibts noch Pflichten im Vollzeitjob. Was mich an meine heutigen Pflichten erinnert. Also schalte ich vom Urlaubs- in den Interviewmodus. Zugegebenermaßen bin ich etwas abgelenkt. Denn während Hermann Göbel mir erzählt, wie der Ochse den Turm vor dem Abriss rettete, habe ich schon unzählige Dinge entdeckt, die ich mir genauer anschauen möchte ... doch dann höre ich erstaunt: „Der Turm sollte abgerissen werden, weil die Stromleitungen unter die Erde verlegt wurden. Und da stand die Truppe schon hier. Aber dann sagte einer: ‚Da ist was drauf gemalt, das können wir nicht einfach abreißen.‘“ Ja, das Wahrzeichen des hiesigen Schützenvereins, das die Dammer auf den Turm pinselten, weil‘s in Krudenburg so was auch gab, rettete nicht nur den Turm vor dem Abriss, sondern bereitete damit auch den Weg für alles Weitere. Die Eigentümerin RWE beschloss nämlich im Zuge dessen, den Dammern den 1911 erbauten Turm, der den Ortsteil jahrzehntelang mit Strom versorgt hatte, für einen symbolischen Euro zu verkaufen. Was damit passiert, liegt seitdem also in der Hand des 2009 gegründeten Turmverein Damm e.V..

Passiert ist ein Strommuseum. Und nicht irgendeins. Es ist das kleinste öffentliche Strommuseum der Welt. Der Zusatz „öffentlich“ ist hier wichtig, denn einen hätte es gegeben, der beschwerte sich mal, erzählt Göbel von einem Mann, der den Titel „kleinstes Strommuseum der Welt“ für seine Sammlung beanspruchte. Doch es kommt raus, dass sein Museum keine Öffnungszeiten hat, weil’s nicht öffentlich ist. „Ja, dann hat mein Onkel wohl das kleinste Strommuseum, der hat ’n Toaster in der Küche ausgestellt“, schmunzelt der Ehrenvorsitzende, aber weist seitdem stets auf den Zusatz „öffentliches“ bzw. „mit Öffnungszeiten“ hin. Beschwerden seien seitdem ausgeblieben.

Nun ist‘s an der Zeit, die Ausstellung zu erkunden. Ich bin erstaunt, wie viel man auf 12 Quadratmetern unterbringen kann. Vieles erkenne ich, einiges wirft Fragen auf. Hermann Göbel greift direkt zu einem seiner Lieblingsstücke, das Exponat mit dem wohl berühmtesten Namen hier: den beleuchteten Stopfpilz, den Konrad Adenauer erfunden hat. Ich muss mich outen: Ich hatte keine Ahnung, dass der Altkanzler auch Erfinder war. „Ja, ich weiß vieles auch nur, weil die Leute, die uns diese Dinge spenden, auch die Geschichten dazu erzählen“, so Göbel und hat schon das nächste Teil aus dem Regal geholt: eine Tasse mit integriertem Stecker, in der Wasser direkt an der Steckdose erwärmt wurde. Strom und Wasser in unmittelbarer Nähe hat man 1930 anscheinend für ’ne gute Idee gehalten. Ohnehin scheint Elektrizität in dieser Zeit seltsame Blüten getrieben zu haben. Mein Lieblingsexponat ist überschrieben mit „Strahlende Gesundheit“. Ein Hochfrequenz-Bestrahlungs-Apparat, der bei sämtlichen Beschwerden durch Auflegen oder Einführen von zum Teil abenteuerlich geformten Elektroden helfen sollte: Kopfschmerzen, Hysterie, Haarausfall, Würmer im Mastdarm, Impotenz ... „Wir haben den Stecker entfernt, bevor jemand auf blöde Ideen kommt“, grinst Göbel. Daneben stehen die ersten Taschenfernseher, ein altes, aber voll funktionstüchtiges Radio und sehr viele Bügeleisen. Die gehörten einer Frau die sich stets ein Bügeleisen für eine Reise kaufte. Allerdings sei sie nach eigener Aussage nie gereist, erinnert sich der Ehrenvorsitzende an die Dame, die sich einfach nur unter diesem Vorwand stets das neuste Bügeleisen gönnte.

Inzwischen sind in Damm so viele Gerätschaften zusammengekommen, dass die Anzahl der Exponate nicht mehr beziffert werden kann. Ein Teil liege auch noch in seiner Garage, sagt Göbel, so könne immer mal wieder was ausgetauscht werden. Auch mit dem großen Strommuseum in Recklinghausen besteht ein Austausch. Das ist bestimmt für beide Seiten ‘ne gute Sache.

Mir gefällt auf jedem Fall diese Mischung aus „das habe ich doch schon mal irgendwo gesehen“ und „davon hab ich noch nie gehört“. Ich lerne wirklich was und ich höre viele amüsante Anekdoten. Und ich darf Sachen anfassen. Herrlich. Das fehlt mir in den großen Museen oft. Völlig zu Recht hat dieses Kleinod auch einen eigenen Song gewidmet bekommen: Frei nach Drafi Deutscher und „Marmor, Stein und Eisen bricht“ heißt es in dem Song von Peter Braun: „Wo steht das kleinste Strommuseum der Welt? Damm. Damm. Bei uns in Damm.“

Wer schwindelfrei ist, darf die Leiter in die obere Etage hoch. Dort finden sich viele Messgeräte, Rechenmaschinen und weitere Bürogeräte. Für mich, als Tochter eines Büromaschinenmechanikermeisters, ist das hier Nostalgie pur.

Zum Abschluss holt Hermann Göbel schließlich noch ein besonderes Exponat hervor: ein Grammophon zum Kurbeln. Zu den kratzigen Klängen von „Schweden-Mädel“ trinke ich mein Wasser und lasse den Blick über Damm schweifen. Damm, Damm. Damm, Damm.

Strommuseum, Altes Trafohaus, Zum Elsenberg, 46514 Schermbeck

Öffnungszeiten: von Mai bis Oktober immer am ersten Sonntag im Monat, 11.30 bis 16 Uhr, oder nach Vereinbarung.

Der Turmverein Damm e.V. hat mittlerweile über 450 Mitglieder - auch außerhalb Deutschlands. Der Mitgliedsbeitrag beträgt einen Euro pro Monat. Der Überschuss wird an karitative Zwecke gespendet. Mehr Infos gibt’s unter www.turmverein-damm.de