„Da ist noch was“, sagt Walter Coenen. Mit Ulrich Bessling und Thomas Velser verfolgt er konzentriert die Bilder der Wärmekamera auf dem Bildschirm. „Wir waren gestern schon mal hier, haben sechs erwachsene Rehe gesehen, aber kein Kitz. Das erschien uns verdächtig, deshalb fliegen wir heute noch mal alles händisch mit stark modifizierten Einstellungen ab.“
Tatsächlich finden sie an diesem frühen Morgen erst ein, und nach akribischem Weitersuchen ein zweites Kitz auf dem Feld in Güdderath. Gudrun Dickhoff, Verena Reichardt und Isabell Rosenbauer sammeln die Kitze behutsam ein und setzen sie in eine mit Gras ausgelegte Kiste – „mit Einweghandschuhen und mit Abstand zum Körper, damit sie keinen menschlichen Geruch annehmen“, wie Ulrich Bessling erklärt.
Ein Fiepen ist zu hören. Das Rehkitz. „Das hat natürlich Angst, es weiß ja nicht, dass wir ihm helfen wollen“, sagt Bessling. Die Kitze werden geschützt in einer Nachbarparzelle oder in einem gesicherten Bereich in den Boxen aufbewahrt, bis sie möglichst kurz nach der Mahd (max. 3-4 Stunden) wieder gefahrlos und wohlbehalten freigelassen werden. „Dort wartet in der Nähe gleich die Ricke, um sie, sobald Ruhe eingekehrt ist, wieder versorgen zu können“, erklärt Coenen. „Die Ruhe im Feld ist das A und O der schnellen Zusammenführung von Ricke und Kitzen!“
Doch nicht nur die ganz kleinen Kitze (114 waren es 2025, in diesem Jahr sind es jetzt bereits 76) werden gerettet. „Größere, die sich nicht mehr fangen lassen, aber auch Niederwild wie Hasen, Fasane usw. versuchen wir aus den Flächen zu vergrämen, so dass sie nicht wieder in die Mahdflächen, sondern in Nachbarflächen umziehen und dort Schutz finden. Dazu ‚verstänkern‘ wir die Feldränder mit Lenor, starken Zitrusdüften oder Hukinol, was nach Buttersäure riecht“, so Coenen.
Alle drei Männer sind Jäger, haben 2021 mit der Unterstützung der Kreisjägerschaft mit der Rehkitzrettung begonnen. Seit Dezember 2024 organisieren sie sich als eigenständiger Verein, der Rehkitz- und Wildtierrettung Mönchengladbach e.V.. „Zurzeit fliegen wir mit drei Teams zu je fünf, sechs Personen im gesamten Stadtgebiet und zum Teil über die Stadtgrenzen hinaus“, sagt Coenen. „Das Ganze passiert ehrenamtlich über einen Zeitraum von etwa zehn bis 14 Wochen, je nach Wetterlage stark variierend. Rehkitze und sonstiges Niederwild zu retten, ist für alle eine kostspielige Herzensangelegenheit.“
„Man muss schon so ‚bekloppt‘ sein wie wir“, sagt er augenzwinkernd, „und wir hoffen dennoch auf freiwillige Piloten und Helfer, die uns unterstützen. Spenden helfen uns, die hohen Anschaffungs- und Betriebskosten zu decken, und sind das, worauf wir dauerhaft angewiesen sind.“
Landwirte, für die das Absuchen vor der Mahd Pflicht ist, können sich kostenfrei bei der Rehkitz & Wildtierrettung MG melden, bevor sie ein Feld oder eine Wiese abmähen. Außer dem Schutz der Tiere gibt es für sie einen weiteren wichtigen Grund: Botulismus durch die Verwesung verendeter Tiere. „Wenn das Gift in die Futtermittel gerät, gehen unsere Nutztiere wie Kühe, Pferde, Schaf und Ziege daran ein“, warnt Coenen. „Und das will ja niemand!“