Diese hatte zunächst zu einem kurzen Wortgottesdienst in der Schneekapelle, dann zu einer Kranzniederlegung am Holocaust-Denkmal und dann schließlich zu einer Veranstaltung ins Pädagogische Zentrum der Schule geladen – wo unter anderem Rollups auf die Besucher warteten: Auf diesen, von Schülerinnen und Schülern der Klassen 10 und 13 aktiv recherchiert und gestaltet, wurde unter der Überschrift „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn auch sein Name vergessen ist“ aus dem Talmud an lokale Opfer des Nationalsozialismus‘ erinnert, wurde an Schicksale von ermordeten Menschen aus der Mitte der Willicher Stadtgesellschaft erinnert: Namentlich Rosetta und Albert Salm, Lina Wallach, Klara, Otto und Bruno Schönewald, Chaim Werner Rübsteck und Cäcilie Wolff (absolut passend räumlich im PZ separiert übrigens auch ein Rollup, auf dem ein damaliger Täter, ehemaliger Polizist und williger Helfer des braunen Terrors, benannt wird. Ein Täter aus der Mitte der Gesellschaft).
Neben vielen Schülerinnen und Schülern waren auch diverse Vertreter aus Politik, Verwaltung und der Kirche der Einladung gefolgt. Die „Air“ von Bach leitete passend stimmungsvoll den kurzen und von Religionslehrer Pierre Hein gestalteten Wortgottesdienst ein, in dem das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium und von Schülern vorgetragene Fürbitten im Mittelpunkt standen. Nach der Kranzniederlegung am Holocaust-Denkmal ging es dann nach einem kurzen Spaziergang in die LdV-Schule zur eigentlichen Veranstaltung, die von den Lehrerinnen Sandra Schwab und Leonie Coun gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gestaltet worden war. Einleitende Musikbeiträge auf dem Flügel („Mad World“ von „Tears for Fears“ und „Hallelujah“ von Leonard Cohen), vor allem aber die eindringlichen Reden von Schulleiterin Andrea Großkraumbach, Max Mamrotski als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und ein Grußwort von Willichs Bürgermeister Christian Pakusch prägten die nachdenkliche Stimmung und den Geist der Veranstaltung, die das Thema aus dem rückwärtsgewandten Gedenk-Status in die Aktualität der Gegenwart hoben.
Andrea Großkraumbach, die dem ebenfalls erschienenen Leiter der Robert-Schuman-Europaschule (RSE), Christoph Riedl, für die gute Zusammenarbeit auch zu diesem Themenkomplex dankte, machte den Anfang: Sie betonte unter anderem, dass Bildung eben nicht nur aus der Vermittlung von Wissen, sondern auch von Haltung bestehe. Sie erinnerte unter anderem daran, dass der Holocaust kein fernes Unglück gewesen sei, „das irgendwo anders geschah. Er begann mitten in unserer Gesellschaft, mitten in unseren Städten und Dörfern – auch hier, bei uns in Willich.“ Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit nähmen wieder zu, populistische Parolen vereinfachten komplexe Probleme und suchten Schuldige statt Lösungen: „Gerade für junge Menschen ist die Auseinandersetzung mit dieser Zeit so wichtig. Nicht, um Schuld zu vererben – sondern um Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung dafür, dass Ausgrenzung, Hass und Gewalt keinen Platz in unserer Gesellschaft haben.“ Großkraumbach: „Menschenwürde, Freiheit, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit müssten jeden Tag neu verteidigt werden, das Gedenken an die Opfer des Holocaust auch aus Willich ist deshalb mehr als ein Ritual. Es ist ein Auftrag an uns alle: die Würde jedes Menschen zu achten, demokratische Werte zu schätzen und aktiv für eine offene, solidarische Gesellschaft einzutreten. Lassen Sie uns diesen Auftrag ernst nehmen – heute und an jedem anderen Tag.“
Mamrotski – er dankte der Schule und allen Beteiligten ausdrücklich für ihr Engagement und die Veranstaltung - schlug in seinem beeindruckenden und teilweise sehr persönlichen Redebeitrag den Bogen von der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 zur aktuell wieder schamlos gelebten Renaissance des Antisemitismus‘. Er band den Namensgeber der Schule, Leonardo-da-Vinci, in seinen Vortrag ein. Der Maler, Erfinder und Wissenschaftler habe neugierig Fragen gestellt und an die Kraft der Bildung, ans Denken, ans Hinterfragen und die Würde jedes einzelnen Menschen geglaubt. Und an die Erkenntnis, „dass wir alle Teil derselben Menschheit sind." Der Holocaust, so Mamrotski, sei das genaue Gegenteil dieser ldee gewesen, vielmehr das Ergebnis dessen, dass Menschen aufgehört haben, andere als Menschen zu sehen. Bildung an einer Schule, die den Namen Leonardo da Vinci trägt, bedeute auch, „Mensch zu werden, der denkt, fühlt, Verantwortung übernimmt, den Mut zu haben, nicht mitzulaufen, wenn andere ausgrenzen oder hassen.“ Sehr persönlich stellte Mamrotski eine Beziehung zu seinen jungen Zuhörern, Parallelen zu ihnen her: „Ich gehe einkaufen, bin müde am Montagmorgen, freue mich auf freie Tage, höre Musik, mache Fehler. lch habe Sorgen, Träume, genau dieselben lnteressen. lch führe genau dasselbe Leben. Der einzige Unterschied: lch gehe in eine Synagoge. Und manchmal reicht meine Religion aus, um gehasst zu werden. Aber meine Angst fühlt sich nicht anders an. Meine Hoffnung ist nicht kleiner. Antisemitismus ist keine Meinung. Er ist kein politisches Statement. Er ist Hass.“
Und Hass beginne nicht laut, beginne leise: „Mit einem Witz. Mit einem Kommentar. Mit einem Meme. Mit Wegsehen. Der Holocaust begann nicht, weil Millionen plötzlich böse waren. Er begann, weil zu viele geschwiegen haben.“ Die junge Generation habe mehr Macht, als ihr bewusst sei: „Die Macht, nicht mitzulachen. Die Macht, zu widersprechen. Die Macht, jemanden nicht allein zu lassen. Denn Erinnerung ohne Haltung ist nur Vergangenheit.“
Erinnerung mit Mut verändere Zukunft: „Nie wieder“ sei kein Satz für Denkmäler: „Es ist eine Entscheidung - jeden Tag. Nie wieder Hass. Nie wieder schweigen. Nie wieder wegsehen.“
Auch Bürgermeister Christian Pakusch forderte in seinem Grußwort die Schüler auf, jeden Tag sensibel und aufmerksam zu bleiben. Pakusch: „Auch heute werden in der Stadt Willich Menschen wegen ihrer Religion angegangen - Danke darum für eure Haltung und klare Linien, das ist heute wichtiger denn je.“ Pakusch geißelte unter anderem das unsägliche Kleinreden des Holocausts durch einzelne Politiker am rechten Rand, erinnerte daran, dass unlängst das Holocaust-Denkmal in Schiefbahn geschändet worden war und warf auch sorgenvolle Blicke auf aktuelle Entwicklungen in den USA.
Für das musikalische Highlight sorgte dann noch Marc Riedl, der Bodo Wartkes nicht eben einfach zu interpretierendes Lied „Das Land, in dem ich leben will“ am Piano singend vortrug; der Applaus des Auditoriums für die gelungene Performance war ebenso heftig wie ehrlich und verdient - bevor sich alle Besucher den auf den Rollups dargestellten Schicksalen der ermordeten Jüdinnen und Juden aus Willich widmen konnten.
Eine in mancher Hinsicht Hoffnung machende, beeindruckende Veranstaltung.