Junge Paare wollen Familie heute anders leben als frühere Generationen. Sie wünschen sich eine gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit, gemeinsame Verantwortung für Kinder und Haushalt sowie Raum für die persönliche Entwicklung beider Partner. Doch genau an diesem Anspruch scheitern viele Familien im Alltag. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Jahresbericht von pro familia Mönchengladbach.
„Wir erleben in unseren Beratungen immer häufiger Paare, die sich grundsätzlich über ihre Vorstellungen von Familie einig sind. Die Umsetzung scheitert jedoch oft an finanziellen Rahmenbedingungen, fehlender Vereinbarkeit oder tief verankerten Rollenbildern“, erklärt Claudia Wolsing, Sozialberaterin, Familienhebamme und im Leitungsteam von pro familia in Mönchengladbach. Besonders die Geburt eines Kindes werde für viele Partnerschaften zur ersten großen Belastungsprobe.
Ob Elternzeit, Elterngeld oder Kinderbetreuung – wirtschaftliche Zwänge führten in vielen Familien dazu, dass überwiegend die Mütter ihre Berufstätigkeit reduzierten, während Väter weiterhin Vollzeit arbeiteten. Obwohl sich viele Eltern eine partnerschaftliche Aufteilung der Care-Arbeit wünschten, lasse sich diese häufig nicht verwirklichen. Die Folgen seien Unzufriedenheit, Konflikte und zunehmender Beratungsbedarf.
Gleichzeitig beobachtet die Beratungsstelle, dass die Ansprüche an Partnerschaft in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen sind. Während früher feste Rollenbilder Orientierung boten, möchten Paare heute Liebe, Gleichberechtigung, berufliche Entwicklung und Familienleben miteinander vereinbaren. Hinzu komme eine Flut an Ratschlägen aus sozialen Medien, Podcasts, Influencer-Angeboten oder Künstlicher Intelligenz, die viele Ratsuchende oft eher zusätzlich verunsichere als Orientierung zu bieten. „Die meisten jungen Paare wollen keine Rückkehr zu traditionellen Rollen. Sie wünschen sich echte Partnerschaft auf Augenhöhe. Dass dies häufig nicht am guten Willen, sondern an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen scheitert, erleben wir täglich in unserer Beratung“ bestätigt Janina Horn-Tilke, Psychologin bei pro familia.
Der Jahresbericht zeigt diese Entwicklung auch in Zahlen. 2025 führte pro familia Mönchengladbach 484 Schwangerschaftskonfliktberatungen sowie 323 weitere Beratungen zu Fragen rund um Schwangerschaft, Familienplanung und Elternschaft durch. Besonders häufig suchten werdende Eltern Unterstützung bei sozialrechtlichen Fragen, zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei Kinderwunsch oder in Krisensituationen nach der Geburt. Ergänzt wurden die Angebote durch Familienhebammen, Gruppenveranstaltungen und die enge Zusammenarbeit mit den Frühen Hilfen.
Die Beratungsstelle beobachtet zudem, dass gesellschaftliche Unsicherheiten bei der Familienplanung zunehmend eine Rolle spielen. Steigende Lebenshaltungskosten, hohe Mieten, berufliche Unsicherheit und Zukunftssorgen beeinflussten die Entscheidung vieler Paare, ob und wann sie Kinder bekommen möchten. Immer mehr Frauen entscheiden sich dazu, überhaupt keine Kinder haben zu wollen.
„Beratung kann gesellschaftliche Probleme nicht lösen“, betonen Wolsing und Horn-Tilke. „Sie kann aber Menschen dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden, Erwartungen mit der Realität abzugleichen und als Paar wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Gerade in der Phase rund um Schwangerschaft und Familiengründung ist das eine wichtige Voraussetzung für stabile Beziehungen und ein gutes Aufwachsen von Kindern.“
Der Jahresbericht macht deutlich: Familien stehen heute vor komplexeren Herausforderungen als je zuvor. Umso wichtiger seien niedrigschwellige Beratungsangebote, die werdende Eltern und Familien unabhängig begleiten und stärken.