Hätte es nicht fast 450 Seiten – man würde „Die wilden Jahre“ am Stück weglesen. Eine Handlung, die fesselt, Figuren, deren Schicksal berührt, ein Schauplatz – zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach –, der dem Niederheiner vertraut ist, aber in einer Zeit (kurz nach dem 1. Weltkrieg), über die man eben doch nicht weiß, wie war das eigentlich damals hier...?
Frau Goga, „Die wilden Jahre“ dreht sich um Schauspielstudentin Thora, die 1919 versucht, die Unschuld ihres wegen Mordes verhafteten Bruders zu beweisen. Wie sind Sie auf diesen Stoff gekommen?
Susanne Goga: Das war vor ziemlich genau drei Jahren, als ich im Theater-Museum in Düsseldorf eine Führung mitgemacht habe. Da war dieser Raum mit Exponaten aus dem alten Düsseldorfer Schauspielhaus, das von 1905 bis 1932 bestand und auch eine Schauspielschule hatte. Da lag in einer Vitrine ein Buch mit dem Verzeichnis der Schüler und aufgeschlagen die Seite mit Gustaf Gründgens, 1. April 1919 eingetreten. Und ich dachte, wow, genau meine Zeit – und da war die Grundidee, die Zeit und der Ort. Dann habe ich angefangen zu recherchieren, weil ich wie die meisten über diese Zeit, die eigentlich total interessant ist, noch gar nicht so viel wusste. Zum Beispiel, dass man damals, wenn man etwa aus Mönchengladbach kommend von Oberkassel über den Rhein nach Düsseldorf wollte, einen Passierschein brauchte. Da standen belgische Soldaten an der Brücke, bis unter die Zähne bewaffnet, und wenn die einen nicht rüberließen, hatte man Pech gehabt.
„Die wilden Jahre“ ist Roman, historischer Roman, Krimi, ein bisschen von allem. Ihr Markenzeichen?
Tatsächlich habe ich die Ermittlung oder Spurensuche als Spannungselement in ganz vielen Romanen, nicht nur in den Krimis. Der Unterschied zu den Berlin-Krimis z. B. ist, dass es in „Die wilden Jahre“ nicht die klassische Ermittlerfigur ist, sondern die Schwester, die aus privaten Gründen ermittelt. Es geht im Roman ja vor allem um die Geschwisterbeziehung.
Vorne im Buch bedanken Sie sich beim Düsseldorfer Schauspielhaus für seine Menschen, die Sie inspiriert haben, und dafür, dass es Ihnen „wunderbare Orte zum Schreiben bietet“. Haben Sie dort Ihren Roman geschrieben?
Ja, mein Lieblingsort in Düsseldorf zum Schreiben ist die Kantine vom Schauspielhaus (Lacht.) Und ich glaube auch, ich habe noch nie so viel vor Ort für ein Buch recherchiert wie für „Die wilden Jahre“.
Sie haben auch wieder echte Personen wie Gustaf Gründgens (der sich 1919 noch Gustav mit „v“ schrieb) eingeflochten. Warum?
Also bei Gustaf Gründgens dachte ich, das bin ich ihm schuldig. (lacht.) Ich finde auch, dass es die Geschichte lebendiger macht. Ich achte aber darauf, dass historische Figuren Nebenfiguren bleiben.
Und die Schauplätze...?
Oh, manches ist fiktiv, aber das Schauspielhaus gab es natürlich, das Gefängnis und das Café auch. Die Villa der Theaterleiter Louise Dumont und Gustav Lindemann habe ich mir sogar mal angeschaut, und das Haus, in dem der Mord geschieht, das gibt es auch.
Wie lange haben Sie an „Die wilden Jahre“ geschrieben?
Ich schreibe immer ungefähr ein Jahr an einem Buch, Recherche eingeschlossen. Aber von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung dauert es etwas länger, ich muss mich ja auch mit dem Verlag abstimmen.
Ist Ihr nächstes Buch schon in Arbeit?
Ja. Und das spielt tatsächlich im selben Jahr. Auf die Idee bin ich gekommen durch eine Stelle in „Die wilden Jahre“, als sich Thora mit Rudi über den Krieg und das Töten unterhält und er sagt „Wir können aber auch wieder damit aufhören.“ Ich habe mich gefragt, was ist, wenn ein Mann das nicht kann? Darum geht es im nächsten Roman.
Klingt wieder spannend. Jetzt aber erstmal der Buchtipp: „Die wilden Jahre“ (Heyne-Verlag) – und vielen Dank für das Interview.