Rund 420 Gäste waren der Einladung von Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein, Wirtschaftsförderungsgesellschaft Mönchengladbach (WFMG), Stadtsparkasse Mönchengladbach und Rheinischer Post in den Hugo Junkers Hangar gefolgt.
Zum Start stimmten IHK-Präsident Elmar te Neues und Oberbürgermeister Felix Heinrichs im Talk mit RP-Regionalredakteurin Denisa Richters die Gäste auf das Thema ein. Der IHK-Präsident beschrieb die pessimistische Stimmung in den Unternehmen. „Wir hoffen auf positive Weichenstellungen von der Bundespolitik, damit wieder Zuversicht einkehrt“, sagte te Neues. Er habe das Gefühl, dass nicht alle in Berlin den Ernst der Lage erkannt hätten. Sein Appell an die Unternehmerinnen und Unternehmer: „Sprechen Sie mit Ihren Abgeordneten, machen Sie deutlich, was Sie von ihnen erwarten.“
Auch der Oberbürgermeister forderte von Bund und Land mehr Verbindlichkeit etwa bei Fördermitteln oder der Verwendung des Sondervermögens, damit Kommunen und Wirtschaft planen können. Einen Schub für die Digitalisierung und bessere Verwaltungsprozesse im Land erhofft sich Heinrichs vom neuen Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Auf mögliche Steuererhöhungen angesprochen, versicherte Heinrichs: „Wir werden alles dafür tun, dass es keine Gewerbe- und Grundsteuererhöhungen gibt – das ist keine einfache Aufgabe.“
Mindestens so herausfordernd ist die derzeitige wirtschaftliche Situation in Deutschland. Das machte Fratzscher zu Beginn seiner Keynote klar: „Die kommenden Jahre werden entscheidend für die Zukunft unserer Volkswirtschaft sein. Es geht jetzt darum, wie wir diese schwierige Phase erfolgreich meistern.“ Der DIW-Chef beschrieb drei große Transformationsprozesse, auf die sich Deutschland einstellen müsse: die Neugestaltung der Globalisierung, der technologisch-ökologische Wandel und die soziale Transformation.
Die globalen Verschiebungen und die Veränderung des Welthandels hätten für Deutschland spürbare Konsequenzen. „45 Prozent unserer Wirtschaftsleistung hängen vom Außenhandel ab“, so Fratzscher. „Kaum ein Land auf der Welt ist so abhängig von freien Märkten.“ Besonders besorgt zeigte sich der Ökonom angesichts der „Asymmetrie der Abhängigkeiten“: „Deutschland ist beispielsweise einerseits auf seltene Erden aus China und andererseits auf kritische Technologien aus den USA angewiesen. Das macht uns erpressbar.“ Sich diverser aufzustellen, alternative Lieferanten zu finden und Abhängigkeiten abzubauen, sei ein langwieriger Prozess. Das Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit Indien sei ein Schritt in die richtige Richtung.
Technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz würden in Deutschland viel zu sehr als Risiko betrachtet, kritisierte Fratzscher: „Anstatt die Chancen zu erkennen und Start-ups zu fördern, werden neue Regularien geschaffen.“ Der Ökonom verwies auf die führende Rolle Deutschlands und Europas im Bereich grüne Technologien. „Da müssen wir schneller werden und mehr investieren“, mahnte Fratzscher und forderte bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Wachstum: den Ausbau der Infrastruktur – auch der digitalen –, Bürokratieabbau und wirksame Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Investitionen in Bildung, eine Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit und eine bessere Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt seien die Hebel für mehr Fachkräfte.
Auf Stärken konzentrieren
Die größte Herausforderung ist für Fratzscher die soziale Transformation. „84 Prozent der Deutschen gehen davon aus, dass es künftigen Generationen schlechter geht als der jetzigen“, berichtete er. „Die Stimmung ist schlecht. Dabei brauchen Bürger und Unternehmen Vertrauen, damit investiert und konsumiert wird.“ Die Menschen müssten Veränderungen verstehen und mittragen. Eine Grundlage für mehr Zuversicht und Vertrauen in die Demokratie sei eine faire Entlastung der jungen Generation und mehr Chancengleichheit etwas im Bildungsbereich. Trotz aller Herausforderungen war sein Fazit zuversichtlich: „Wir können aus dieser schwierigen Phase gestärkt hervorgehen, wenn wir uns auf unsere Stärken konzentrieren: exzellente staatliche Institutionen und ein funktionierender Rechtsstaat, eine resiliente und langfristig orientierte Wirtschaft und ausgeprägte gesellschaftliche Solidarität.“