Drei Konkrete Beispiele für gelungene Integration in Willich „Das ist jetzt mein Land“

Stadt Willich · Angekommen in Deutschland: Drei ganz konkrete Beispiele für die gelingende Integration geflohener Menschen in der Stadt Willich

Der 24-jährige Syrer Mohamad Shakara arbeitet in der Schreinerei der Gemeinschaftsbetriebe Willich.

Foto: Stadt Willich

Wer mit Regine Hofmeister heute nach gut zehn Jahren über das Thema Flüchtlingswelle 2015/2016 und ihre Auswirkungen auf die Stadt Willich spricht, gewinnt spontan zwei Eindrücke.

Nicht überraschend: Zum einen macht der Frau (sie ist seither als Koordination von Haupt- und Ehrenamt sowie der Sozialarbeit in der Flüchtlingshilfe bei der Stadt im Geschäftsbereich Soziales tätig) zum Thema niemand ein X für ein U vor. Und zum anderen – und diese Einschätzung mag dann schon überraschen: Sie zieht ein sehr positives Fazit.

Die Ukrainerin Yevheniia Babak (links), hier mit Regine Hofmeister, arbeitet in der Bütt.

Foto: Stadt Willich

Zum einen, was die Hilfsbereitschaft, Akzeptanz und ehrenamtliche Unterstützung durch die Willicher Bevölkerung angeht: Unlängst hat sie mit ihrem Team ein „Dankeschön-Fest“ organisiert. Man wollte sich bei den mehr als 200 ehrenamtlichen Helfern – unter anderem aus Vereinen, der Tafel, bei den Kirchen, Verbänden, persönlichen Paten, dem Arbeitskreis Fremde und vielen anderen – „...einfach mal bedanken: Auch durch das Mitwirken der Bevölkerung haben wir in der Stadt Willich wirklich nur minimale Probleme.“

Der andere positive und vielleicht eher unbekannte Aspekt: Fragt man sie „nach ein paar Beispielen“ für gelungene Integration geflohener Menschen in die Gesellschaft und die Arbeitswelt, zögert sie keine Sekunde: „Ein paar Beispiele? Da kann ich Dir spontan 40, 50 konkrete Beispiele aufzählen.“

Und drei ihrer „Klienten“ sind dann auch gerne bereit, ihre Geschichte zu erzählen.

Da ist zum Beispiel die Ukrainerin Yevheniia Babak: Die alleinerziehende Mutter dreier Kinder floh aus Poltawa (eine Stadt in der Zentralukraine am Fluss Worskla mit rund 300 000 Einwohnern - erst dieser Tage wurden wieder Tote nach russischen Angriffen gemeldet) vor den Bomben des russischen Terrors im September 2023 nach Deutschland. Über die Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) und Transfer in die Zentrale Unterbringungseinrichtung in Bochum „landete“ sie mit ihren Kindern (heute 17,13 und 9 Jahre alt) in Willich. Dass weder sie noch die Kinder Deutsch sprachen, spornte die ehemalige Leistungsschwimmerin (in der Ukraine mit dem Titel „Meisterin des Sports“ ausgezeichnet) und ihre Kinder eher an: Die Kids waren froh, der Gefahr der Bomben entkommen zu sein, überwanden motiviert die „harte Zeit der Sprachprobleme“ in Kindergärten und Schulen – und „es gefällt ihnen in Deutschland, sie fühlen sich wohl“, so Yevheniia. Sie selbst hat als in der Ukraine diplomierte Schwimm- und Sportlehrerin (die Abschlüsse werden hier nicht automatisiert anerkannt) einen Job in der Willicher „Bütt“ gefunden und arbeitet an ihrem beruflichen Fortkommen: Sie möchte perspektivisch gerne als Fachkraft Bäderbetrieb oder Sportlehrerin arbeiten. Heimweh – kennen sie und ihre Kinder nicht: „Wir fühlen uns hier besser als in der Ukraine.“

Oder der heute 24-jährige Syrer Mohamad Shakara: Er folgte 2019 mit seinem Vater im Rahmen des geregelten Familiennachzugs der schon mit ihren Kindern in Deutschland lebenden Mutter (sie war seinerzeit mit drei Kindern zu Fuß geflüchtet) nach Deutschland. Weg wollte, nein musste er aus eigenem Antrieb: Er stand kurz davor, eingezogen und in den Krieg an die Front geschickt zu werden. In Aleppo hatte er nach einer entsprechenden Ausbildung in der „IT-Branche“ gearbeitet, wie er lächelnd erzählt: Konkret hat er dort Handys und PCs repariert – „damit hast Du hier natürlich keine Chance, das braucht hier kein Mensch.“

Also orientierte Shakara sich bald um. Von seiner Mutter (sie arbeitete unter anderem im Rahmen des Bundesfreiwilligen-Programms im Arbeitskreis Fremde mit, so Hofmeister: „Eine echte Powerfrau“) angetrieben, lernte er bald Deutsch, bekam einen Job als Helfer in der Schreinerei der Gemeinschaftsbetriebe Willich (GBW): „Die Kollegen, alle sind sehr, sehr nett zu mir.“ Seine Angst, den Anforderungen der deutschen Arbeitswelt in Sachen Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nicht entsprechen zu können, ist inzwischen Zuversicht gewichen: er arbeitet bei den Gemeinschaftsbetrieben (nicht alle dort Eingestellten, so Hofmeister, schaffen das) jetzt dauerhaft im Bereich Holzreparatur, Spielplatz-Instandsetzung, Transport und in anderen Bereichen, will einen Maschinenkurs absolvieren, den Führerschein machen: „Ich mag meinen Job, den Respekt, die Kollegen, es läuft gut. Ich bin jetzt so lange in Deutschland – das ist mein Land.“

Auch der heute 35 Jahre alte Mohamad Halawi – seine Eltern waren geflohen, er wuchs bei Oma und Opa im Libanon auf - hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Nach seinem Abi wollte er eigentlich Pharmazie studieren, floh vor dem Krieg im Süden des Landes dann aber zu einem Freund nach Nigeria. Dort arbeitete er für besagten Freund im Bereich Getränke-Logistik, bis ihn Krieg und Gewalt einholten: Der Boko-Haram-Konflikt (dschihadistische Rebellion, der Name bedeutet „westliche Bildung ist Sünde“, Boko-Haram strebt die Einführung der Scharia an) ließ ihn erneut fliehen: Zu Fuß schlug er sich über die Türkei und Griechenland 18 Tage bis nach Deutschland durch – dort war er zuvor zweimal im Sommer und zu Weihnachten gewesen. Als Siebenjähriger hatte er hier seine Mutter erstmals kennengelernt.

Über ein Lager in Kerken – seine Vielsprachigkeit (Deutsch, Französisch, Englisch und Arabisch) nutzte man dort geraume Zeit gern zu Dolmetscherdiensten - „landete“ er schließlich in Willich und nahm ein über die Stadt vermitteltes Ausbildungsangebot der Saint-Gobain Performance Plastics Pampus GmbH (in Schiefbahn ansässiger Fluorkunststoffverarbeiter, man fertigt unter anderem wartungsfreie Kunststoff-Metall-Gleitlager für die Automobilindustrie) an. Und dort arbeitet er heute in der technischen Anlagen-Entwicklung, bringt an unterschiedlichen Einsatzorten Anlagen ans Laufen und „kommt gut voran“. An seine Heimat denkt er ab und zu: Sie sei schön, biete aber ob der Zerstörung keine Zukunft. Mit der deutschen Mentalität kommt er inzwischen gut zurecht, mit seinen Kollegen und Vorgesetzten sowieso: „Gegenseitiger Respekt“ sei ihm wichtig, Toleranz auch in religiösen Fragen das absolute Gebot. Und in zehn Jahren? „Vielleicht selbständig sein, in der Technik- oder Autobranche, in der Gastro - wer weiß. Ich bin sehr offen und optimistisch.“

Drei Beispiele für gelungene Integration. Mitten in Willich. Drei von vielen. Was Regine Hofmeister – um zum Anfang zurückzukehren – verständlicherweise Stolz und Mut macht: „Es ist schon eine ganz besondere Aufgabe, diese Integration. Aber unsere vielen ehrenamtliche Helfer, Netzwerker und auch solche Erfolgsgeschichten lassen uns den Job letztlich gerne machen.“

Und wenn dann – zum Beispiel - ein Geflohener zu ihr kommt und sich für eine Messerstecherei eines Landsmanns, mit dem er überhaupt nichts zu tun hat, im Namen der geflohenen Menschen entschuldigt, dann fließen durchaus schon mal Tränen.