Es sollte ein entspannter Urlaub mit Wassersport, Lesen am Strand und leckerem Essen werden, doch am Ende wurde eine Flucht daraus: Janina Böcking hatte den Frankreich-Urlaub mit der Familie ihres Bruders lange geplant. „Besonders gefreut habe ich mich auf Zeit mit meiner Nichte Marie und meinem Neffen Jacob“, sagt die 41-Jährige. Doch die Entspannung dauerte nur einen halben Tag.
Als die Familie am Mittwochabend (22. Juli) nach drei Tagen Paris in zwei Autos anreiste, waren alle froh, dass Sanguinet nicht von Feuer bedroht zu sein schien. „Wir hatten bis dahin kaum Info über die Waldbrände mitbekommen“, sagt Janina Böcking. Auf dem Campingplatz, wo die Familie ein Chalet gemietet hatte, wirkte alles normal. Später erfuhren sie, dass die nur 13 Kilometer entfernte Nachbargemeinde Biscarrosse schwer betroffen war. Doch in Sanguinet schien es sicher zu sein.
„Ich war mit Jacob am nächsten Tag gerade zum ersten Mal mit unserem SUP Board auf dem Lac de Sanguinet, als wir am anderen Ufer eine Rauchsäule gesehen haben. Wir paddelten schnell zurück.“ An der Rezeption wiegelte man ab: Der Rauch sei von einem brennenden Auto, habe nichts mit den Waldbränden zu tun. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen. Ohnehin sei alles so geregelt, dass die Camper bei drohender Gefahr eine Handy-Nachricht bekämen. Eine eventuelle Evakuierung würde durch ein Sirenensignal eingeleitet.
Familie Böcking traute dem Frieden nicht, setzte auf Sicherheit und packte Notfalltaschen, um flüchten zu können. Auf dem Campingplatz ging derweil alles seinen gewohnten Gang. Das Animationsprogramm lief, der Betrieb war wie immer... „Was wir uns vorgestellt haben, wie es weiter geht? Ich weiß es nicht. Vielleicht, dass es regnet“, sagt Janina Böcking. In der Nacht habe sie jedenfalls kaum ein Auge zu getan, schon deshalb, weil sie diejenige war, die das Handy im Auge behalten sollte. Auch am Freitag blieb die Informationslage dürftig. Das befürchtete Handysignal blieb aus, dafür kündigte sich ein Gewitter an. Doch der vorausgehende Wind machte die Lage nur schlimmer. Inzwischen war spürbar Rauch in der Luft, der das Atmen erschwerte. Und es kamen besorgte Nachrichten aus Deutschland von den Eltern. Die App Feux de Forêt (Waldbrände) dagegen, habe wegen der vielen gleichzeitigen Feuer wenig Aktuelles gezeigt.
Beim Abendessen kam dann, was alle befürchtet hatten: das Sirenensignal – ohne vorherige Handynachricht. „Wir haben unsere Notfalltaschen geschnappt und sind zu den Autos gerannt, haben alles andere zurückgelassen“, sagt Janina Böcking. In solchen Situationen mache man verrückte Sachen: „Ich habe noch ein paar Sachen gegriffen, da war mein Glätteisen für die Haare bei.“ Jetzt kann sie darüber lachen.
Niemand wusste so recht, wohin. „Wir sind einfach allen hinterhergefahren. Es war nichts organisiert“, sagt die Sozialarbeiterin. Aber die Menschen seien rücksichtsvoll miteinander umgegangen. Keiner habe sich vorgedrängelt, das Reißverschlussverfahren habe einwandfrei funktioniert. „Nur ich habe an der Stoßstange meines Bruders geklebt, aus Angst, ihn in dem Chaos zu verlieren“. Und dann kam der eigentliche Horror: Die Brände in der Bucht von Arcachon bildeten am Horizont eine nicht enden wollende Feuerwand. „Am Tag hätte man wahrscheinlich nur Qualm gesehen, aber in der Nacht leuchtete alles orange.“ Wahnsinn sei das gewesen, wie lange sie in großer Angst an diesem Inferno entlang gefahren seien. „Alles roch nach Rauch, überall war Asche“.
Familie Böcking ist nichts passiert und ihre Gedanken sind bei den Einheimischen, die ihre Existenz oder sogar ihr Leben verloren haben. Beim ersten Halt nach der Feuerwand habe es viel Hilfsbereitschaft gegeben. Fremde Menschen hätten ihnen angeboten, in ihrem Haus Platz für eine Übernachtung zu machen.
Schlafpause machten sie dann aber in Valenciennes. Zu allem Überfluss sei dort eines der Fahrräder vom Dachgepäckträger geklaut worden. „Das war das erste Mal, dass wir gelacht haben seit unserer Flucht. Wir haben einen regelrechten Lachkrampf bekommen“. Das Fahrrad hätten sie tatsächlich bei der Polizei wiederbekommen.
Dass sie einen richtigen Schock hatte, hat Janina Böcking erst gemerkt, als sie nach über 1 200 Kilometern Fahrt ihre Wohnungstür hinter sich schloss. „Da habe ich erstmal geheult.“