Es waren in der Tat bewegende Vorträge mit dramatischen Schicksalen von Menschen in Willich, die von den Schülern Malia, Ebru, Katharina, Emmi, Justus und Tim vorgetragen wurden. Im Fokus standen Menschen, die im Rahmen der „Aktion T4“ während der NS-Zeit durch die Nazis aus Willich deportiert und schließlich ermordet wurden.
„Dabei geht es bei der Aktion T4 vor allem um Menschen mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen, die für die Nazis quasi kein Recht auf Leben hatten“, erklärt Lehrerin Andrea Wanko, die das Projekt zusammen mit Schulleiter Christoph Riedl leitet.
T4 ist dabei die Abkürzung für die Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4 in Berlin: Tiergartenstraße 4. Die Mordaktion dauerte von 1939 bis 1941, wurde dann offiziell eingestellt „...doch das Morden - die ‚wilde Euthanasie‘ - ging weiter bis zum Ende des Krieges 1945. Über 200 000 Menschen fielen der ‚Aktion T4‘ zum Opfer“, erklärt Andrea Wanko weiter. Zu oft wurden die Menschen zunächst in lokale Heil- und Pflegeeinrichtungen wie nach Süchteln oder Mönchengladbach gebracht, später dann mit Bussen zu zentralen Einrichtungen nach Hadamar oder Meseritz-Obrawalde gefahren. „Totspritzen oder verhungern lassen waren dabei nur einige Mord-Methoden“, sagt Andrea Wanko. Die Angehörigen erfuhren meist viel später vom Tod des Familienmitgliedes und mussten oft noch Monate später Zahlungen an die Kliniken leisten. „In Neersen gibt es den Stolperstein von Ernst Levy - der erste und bisher einzige Stolperstein für ein Euthanasie-Opfer in Willich“, weiß die Lehrerin zu berichten.
Doch Ernst Levy nicht der das einzige Opfer. Die Geschichte der Menschen hinter den Stolpersteinen ist bewegend, traurig und dramatisch zugleich, wie die sechs Schüler erfahren mussten. So fasste Malia eine kurze Biografie von Ernst Ackers zusammen, der 1890 in Willich an der Peterstraße 2 geboren, als geisteskrank in ein Heil- und Pflegeheim gebracht, schließlich in die Tötungsanstalt nach Meseritz-Obrawalde kam und dort verstarb (wilde Euthanasie).
Schülerin Ebru berichtet über Katharina Bommes, die an der Hoxhöfe 2 lebte und als geistig kranke Frau zunächst in das Dreifaltigkeitskloster nach Krefeld gebracht, über Düsseldorf schließlich nach Hadamar überführt wurde und dort verstarb. Todesursache: Kreislaufschwäche.
Katharina liest aus ihrer recherchierten Biografie von Weberin Maria Fischer, die 1902 geboren, an der Krefelder Straße 174 gelebt hatte. Sie wurde von den Nazis, weil „...aus asozialen familiären Verhältnissen ...“, zunächst sterilisiert, dann als geisteskrank nach Süchteln gebracht und verstarb 1944 in der Landesanstalt Kosmanos an angeblicher Lungentuberkulose.
Schülerin Emmi befasste sich mit Theodor Rosen, geboren 1874, der später an der Neusser Straße 17 wohnte. Er litt angeblich ab 1938 an Verwirrtheit und Gedächtnisverlust. Auch er kam zunächst nach Jüchen, wurde von dort mit 100 weiteren Patienten nach Klingenmünster (Bad Bergzabern) verlegt und starb dort den Hungertod in 1943.
Justus befasste sich mit Peter Schumacher, der 1896 an der Krefelder Staße 9 gelebt hatte, als geisteskrank galt und nach Süchteln verlegt wurde, wo er starb (Todesursache unbekannt).
Für Schüler Tim, der sich erst kürzlich der Projektgruppe angeschlossen hatte, ging es um Johann Rabbels, der 1884 in Willich geboren und in der Anstalt in Meseritz-Obrawalde verstorben war.
Mit Hilfe des Heimatvereins, hier Bernd-Dieter Röhrscheid und dem Stadtarchivar Udo Holzenthal, konnte die Projektgruppe weitere Recherchen anstellen. „Wir wollen der Opfer mittels der Stolpersteine gedenken“, sagt Bernd-Dieter Röhrscheid. Bereits 79 Stolpersteine gäbe es in Willich „... und wir haben noch Namen für 30 weitere Stolpersteine“, so Röhrscheid weiter. Die Inschriften auf den Stolpersteinen sollen nun herausgearbeitet werden. Dazu helfen auch die Recherchen der Schüler zu den Euthanasie-Opfern, für die entsprechende Stolpersteine gefertigt und an ihre ehemaligen Wohnstätten mit Hilfe der Mitarbeiter des Tiefbauamtes - so Wunsch von Bernd Dieter Röhrscheid - verlegt werden sollen. „Es wäre auch schön, wenn sich Paten für die Stolpersteine finden würden“, hofft Bernd-Dieter Röhrscheid. Der Heimatverein, so Peter Borger als 1. Vorsitzender des Vereins, habe bereits Patenschaften für vier Stolpersteine übernommen.
Bürgermeister Christian Pakusch zollte den Schülern großen Respekt für ihre Arbeit. „Das sind besondere Schicksale, mit denen ihr Euch beschäftigt habt“, so der Bürgermeister. Auch für die Schüler ist das Thema neu. „Natürlich haben wir uns mit dem Nationalsozialismus beschäftigt - aber dieses Thema war uns so nicht bekannt“, sagt Justus. Innerhalb der Gruppe würde das Thema nun öfter diskutiert. „Ich spreche aber auch mit anderen Schülern darüber“, ergänzt Emmi. Auch im nächsten schuleigenen Podcast soll das Thema aufgegriffen, darüber aufgeklärt und auf die Aktion Stolpersteine hingewiesen werden.