55. Moers-Festival ... wie im Märchen

Moers · Es war einmal und dann nochmal und wird im Mai zum 55. Mal sein: das Moers-Festival. Und es kann und sollte immer so weitergehen, das Pfingstmärchen aus der Grafenstadt ...

Unterm Stuck des Rokokosaals der Entwurf für die perfekte Musikantenstadt, vom Ballsaal bis zum Zeltplatz: Sandra Jungmaier und Tim Isfort bespielen Moers‘ neue Mitte.

Foto: Tommy van Duisburg

„… wie im Märchen“, ist auf dem Festivalplakat zu lesen, das Festivalleiter Tim Isfort und erstmals Bürgermeisterin Julia Zupancic auf der Pressekonferenz am Donnerstag enthüllen. Die findet - nach Hallenbad, Elektronikerfiliale und Hubsteigerhöhe fast schon unspektakulär und dezent im Rokokosaal des Moerser Schlosses statt. Es ist das beste Schloss in ganz Moers“, tönt unverkennbar Donald Trump vom Band und mutmaßlich von KI eingesprochen: der außerdem eine gigantische Bühne auf den Kastellplatz bauen will, von den besten Architekten und auf den besten Pflastersteinen ... Nicht nur wegen der speziellen Späße und der ausgefallenen Orte ist die Moerser Festivalpressekonferenz wohl die einzige am linken Niederrhein, wo die Phrase von der versammelten Weltpresse zwar auch nicht hinkommt, aber fast. Und auch „Moers“ ist so vollzählig angetreten, dass Moers-Marketing zwar abwesend ist, aber kaum fehlt ... Auf 200 Künstler aus über 20 Nationen freut sich Bürgermeisterin Zupancic. Sandra Jungmaier von der ENNI bringt verschiedenfarbige Tonnen mit und dem Festival bei, wie man Müll trennt, denn es soll ja nicht frei nach Schneewittchen heißen: „Wer hat mein Tellerchen in den Park geworfen?“ Claudia van Dyck und Mark Rosendahl legen sich für den Aufsichtsrat der „Moers Kultur GmbH“ ins Zeug und holen dankend die vielen Kooperationspartner ins Märchenschloss. Geld war schon immer Mangelware beim Moers-Festival, aber Graf Zahl alias Wolfgang Thoenes weiß als Kämmerer „Bund und Land an unserer Seite“ und bezeichnet das im letzten Jahr eingeführte „Pay what you want“ bzw. „what you can“ als großartigen Erfolg, den Theresa Klinkmann vom Kulturbüro auch beziffern kann: 16 Prozent mehr Einnahmen, 64 Prozent mehr Einzeltickets! Passend wird die 55. Ausgabe nicht nur das beste, sondern auch das längste Moers-Festival aller Zeiten, fünf statt vier Tage lang, schon am Donnerstag, 21. Mai, geht’s los.

Und, wie gesagt, erstmals wieder direkt in der Moerser Innenstadt, auf dem Kastellplatz.

Apropos Graf Zahl, der heißt im englischen Original Count of Count, und so gesehen gibt es noch eine ganze Menge Wortwitze zu machen im County Moers. „Rotkäppchens USA“ ist ein Länderschwerpunkt zum wie immer stark vertretenen transatlantischen Partner überschrieben, der auch unter die Wölfe gefallen scheint. Mit der gerade zum sechsten Mal haarscharf an einem Grammy vorbeigeschrammten Saxofonistin Lakecia Benjamin kommt ein veritabler Weltstar von dort nach Moers. Aus New York kommt das Yarn/Wire-Kollektiv, die Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) aus Chicago Chicago schickt Ex-Improviser Tomeka Reid zurück nach Moers und außerdem Joy Guidry, mit dem märchenhaftesten Instrument überhaupt, sehnsuchtsfern wie ein (Englisch-) Horn und warm nasal wie die perfekte Erzählerstimme: einem Fagott. „Haben wir selten hier.“

Ums Erzählen geht’s in den halbszenischen Großproduktionen von Gellert Szabo‘s Ideal Orchestra und vom Chroma-Kollektiv. Afrika wird von Ghana, Togo und Benin vertreten, die Anagoko Family (Benin) und Nana Benz du Togo, bringen traditionelle Serepewa-Musik, Voodoo-Kultur und westafrikanische Erzähltraditionen in einem Dutzend verschiedenen Festival-Settings auf die Bühnen. Mit dem 1987 verstorbenen Morton Feldman und dem noch lebenden György Kurtag werden zwei 100-Jährige geehrt. Goldene Instrumente bringen hoffentlich die Musiker aus Myanmar mit, das seit fünf Jahren wieder in einer Diktatur versinkt. Die Zusammenarbeit mit dem „englischen Moers“ Huddersfield wird in „X perimental N Counters“ fortgesetzt.

Eröffnet wird das 55. Moers-Festival am Donnerstag, 21. Mai, dem bundesweiten „Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt“, von der WDR-Bigband unter der Leitung von Arrangeur Vince Mendoza zusammen mit dem südafrikanischen Jazzpianisten Nduduzo Makhathini.

Und am Pfingstmontag wird die Welt dann hoffentlich ein bisschen besser geworden sein und es jedenfalls fünf Tage lang gewesen sein und, um mit dem Lieblingsmusikantenmärchen zu enden: „Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.“