„Alt und Jung ergibt eine wunderbare Verbindung!“ Mit 94 ihre Berufung gefunden

Wickrath · Eigentlich wollte sie gar nicht in ein Seniorenheim. Doch die Umstände erforderten es und so kam Gertrud Abels im April ins Haus St. Antonius in Wickrath. Inzwischen ist die quirlige 94-Jährige die Seele des Hauses. Sie verbreitet Lebensfreude, hat Freundschaften geschlossen. Ein Mitbewohner ist ihr besonders wichtig. Doch nun soll sie wieder raus aus dem Haus – das Sozialamt will nicht mehr zahlen...

Haben im Altenheim Freundschaft geschlossen: Gertrud Abels (94) und Michael Schroden (65).

Foto: Petra Käding

„Ich wollte nicht rein und jetzt will ich nicht mehr raus!“, sagt Gertrud Abels und lacht – obwohl sie gerade nicht weiß, wie es weitergeht. Das Sozialamt habe ihr eine Frist bis Ende des Jahres gegeben, solange zahle es noch für die 94-Jährige. Danach müsse entweder ihre alleinerziehende Tochter ihr Tiny House in Friesland wieder verkaufen, das sie vom Verkauf der Wohnung ihrer Mutter gekauft habe, und die Kosten übernehmen, oder Gertrude Abels werde vor die Tür gesetzt. „Eine Mietwohnung bekomme ich in meinem Alter nicht“, erklärt sie, obwohl sie sich durchaus fit genug fühle, sich selbst zu versorgen. Aber dass ihre Tochter das Minihaus verkauft, in dem sie mit ihrer Tochter lebt, kommt nicht in Frage. Zusammen dort wohnen, drei Generationen unter einem Dach, dafür sei das Haus leider zu klein, das hätten sie schon ausprobiert...

Jammern ist ganz und gar nicht Gertrude Abels‘ Art. Zu viel hat sie schon erlebt – von der Vertreibung aus Pommern, als sie 12 oder 13 Jahre alt war, über Zeiten im Lager, ohne richtige Schulbildung und mit harter Arbeit bis zum Wiederfinden ihrer Familie.

Vor drei Jahren hat sie ihren Mann verloren, mit dem sie so viele Jahre in Wickrath gelebt hat. Dass sie sich im Haus St. Antonius nach etwas Eingewöhnungszeit so wohl fühlt, liegt aber nur zum Teil an der vertrauten Umgebung – „ich bin hier frei wie ein Vogel, um die Ecke ist Rossmann und das Grab von meinem Mann ist auch in der Nähe“. Es ist die Gemeinschaft, die sie dort erlebt, die Abende im Garten. „Wir haben zusammen gesungen“, erzählt sie, „die alten Lieder“. Vor allem die Freundschaft mit Heimbewohner Michael Schroden liegt ihr am Herzen. Der 65-jährige, „junge Mann“, wie Gertrude Abels ihn nennt, ist seit einem Schlaganfall hier. Er ist halbseitig gelähmt, hat (noch) Mühe, sich zu verständigen. Aber nicht mit Gertrude Abels! Sie hat ihm eines Tages einen Zettel zugesteckt. „Hallo, Michael, finde dich nett! Könnte deine Mutter sein. Kopf hoch, du schaffst das!“ habe darauf gestanden. Der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft mit vielen Gesprächen über Literatur, Politik und Kirche. „Alt und Jung ergibt eine wunderbare Verbindung!“, ist sie überzeugt und wünscht sich nichts mehr, als im Haus St. Antonius bleiben zu dürfen. Schließlich habe sie doch hier ihre „Berufung“ gefunden, nämlich anderen zu helfen. „Die sind alle traurig, wenn ich weggehe. Und ich möchte unbedingt noch miterleben, dass es Michael besser geht!“

Doch was tun, wenn das Sozialamt den Geldhahn zum Jahresende zudreht...?