Suche nach Wetterballon Stratosphärenmission mit Happy End

Krefeld · 51°46'27.1"N 8°16'09.3"E. – Auf diese Koordinaten haben Martin Hinkelmann und seine Schüler drei Tage lang gewartet. Genauso lange haben sie gebangt: um ihren Wetterballon, um ein ganzes Projekt.

Die Schüler und Lehrer des Stratosphären-Projekts füllten den Kautschuk-Ballon sukzessive mit Helium.

Die Schüler und Lehrer des Stratosphären-Projekts füllten den Kautschuk-Ballon sukzessive mit Helium.

Foto: Stadt Krefeld/A.Bischof Phone +49(0)171-285011

Als sie am vorigen Sonntagnachmittag endlich die exakten Standortdaten übermitteln bekamen, machte sich eine Kleindelegation um zwei Lehrer, zwei Schüler und einen Vater sofort auf den Weg zur 160 Kilometer weit entfernten Absturzstelle.

Zwei Stunden später standen sie auf einem Weizenfeld in Langenberg, einer kleinen Gemeinde im Kreis Gütersloh. Die beiden Schüler starteten eine Drohne, um den Ballon aus der Luft aufzuspüren. Kurz danach hatten sie die Sonde endlich gefunden und streckten sie wie eine Trophäe in die Höhe.

„Die Euphorie in diesem Moment war bei uns allen einfach riesig“, erzählt Martin Hinkelmann. „Hinter uns lagen Tage der Ungewissheit und wir konnten gar nicht sicher sein, die Sonde überhaupt noch einmal wiederzufinden.“

Drei Tage zuvor in Krefeld, Gesamtschule Kaiserplatz, 11.50 Uhr: Auf dem Schulhof drängen sich die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Besucher dicht aneinander. Über 1.200 Menschen erwarten neugierig den Start des Stratosphärenballons, die Weltraum-Mission wird als großes Gemeinschaftsprojekt

zelebriert. Ein Mix aus Aufregung und Vorfreude kreiert eine knisternde Atmosphäre.

Hinter einer Absperrung stehen Johanna, Henrik, Max, Sebastian und Timo mit ihren Lehrern Martin Hinkelmann und Kaan Arslan. Sie blenden die wuselige Stimmung um sich herum aus.

Damit die Startgenehmigung der Luftfahrtbehörde eingehalten werden kann, müssen sie jetzt fokussiert letzte Vorkehrungen treffen.

Die einen füllen den Ballon mit Helium, die anderen speisen finale Befehle in den Bordcomputer ein. Dann schließen sie die Styroporbox und umwickeln sie mit Klebeband. Um 12.18 Uhr zählt die ganze Schule einen Countdown herunter.

Als der Ballon zielgenau in den Himmel aufsteigt und die Sonde mit dem Namen „Gustav-Kaiserplatz“ hinter sich herzieht, fallen sich Lehrer und Schüler in die Arme. Angestaute Anspannung entlädt sich in festen Umarmungen. Die vielen Zuschauer bekunden ihre Begeisterung mit einem lang anhaltenden Applaus.

Ein halbes Jahr lang hat die Schülergruppe mit ihren zwei Lehrern für diesen Moment gewerkelt, programmiert und getestet. Biologie- und Geographie-Lehrer Martin Hinkelmann hatte die Idee für den Wetterballonflug. Das vom Förderverein finanzierte Projekt reiht sich ein in viele weitere Aktionen der MINT-begeisterten Gesamtschule Kaiserplatz (MINT steht für Mathematik, Informatik,Naturwissenschaften, Technik), wie zum Beispiel 3D-Drucker-Workshops oder Umweltexkursionen.

Rasch fand sich seinerzeit eine Gruppe interessierter Schüler,

die Hinkelmann und Arslan in einem wissenschaftlichen Workshop mit theoretischen Grundlagen auf den Flug vorbereiteten. Die Sonde sollte auf ihrem Weg in die Stratosphäre naturwissenschaftliche Daten – etwa die Temperatur, Höhe oder Luftfeuchtigkeit – als Grundlage für den Unterricht sammeln.

Die Startausrüstung, bestehend aus einem Ballon, dem Fallschirm und der basalen Technik, bestellte die Schule im Internet. Dann begann die eigentliche Arbeit.

Das fünfköpfige Team schrieb Programmiercodes, installierte eine Kamera und justierte Sensoren für die Datenerfassung – in der Schule, aber auch in der Freizeit.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Gymnasium Horkesgath zum 650-jährigen Stadtjubiläum einen Wetterballon in die Stratosphäre geschickt. An der Sonde war eine 360-Grad-Kamera angebracht, so lassen sich die spektakulären Aufnahmen noch heute via Virtual-Reality-Brille realitätsnah nachempfinden.

Die Stratosphäre ist die zweite Schicht der Atmosphäre und liegt zwischen 15 und 50 Kilometern Höhe. Aufgrund des fehlenden Luftwiderstands dehnt sich der Ballon so weit aus, bis er irgendwann platzt.

Fortan aktiviert sich der beigefügte Fallschirm und die Sonde gleitet zurück auf die Erde.

Der Kautschuk-Ballon der Gesamtschule Kaiserplatz riss auf 24.200 Metern Höhe. Im Vorfeld konnte die Schülergruppe mittels verschiedener Daten errechnen, dass die Sonde im Raum Gütersloh landen würde. Unmittelbar nach dem Start brach die

Lehrer-Schüler-Gruppe dorthin auf. Zwar meldete sich die Sonde nach einigen Stunden mit einem Standort. Weil sich die exakte GPS-Ortung aber ausgeschaltet hatte und so nur noch eine weitaus ungenauere SIM-Karten-Lokalisierung zur Verfügung stand, hatte die Gruppe ein Problem. Das 2,5 Quadratkilometer große

Suchfeld war viel zu weitläufig.

Als es dunkel zu werden drohte, brachen die Krefelder enttäuscht ab. Am nächsten Tag starteten sie eine Suchaktion in den Sozialen Medien. Und tatsächlich meldete sich der Hersteller der Sonde und konnte mit dem exakten Standort aushelfen. So fuhren die Krefeler erneut los und steuerten das Weizenfeld in Langenberg an. Nach fast 80 Stunden war die Expedition beendet, die Sonde zurück in Krefeld.

„Leider haben die Temperaturen – die niedrigste war -43 Grad – auch dafür gesorgt, dass unsere Kamera Schaden genommen und die Filmaufnahmen wohl nicht gespeichert hat“, erzählt Martin Hinkelmann. Zwar versuche man noch, mögliche Fotos über ein Spezialprogramm wiederherzustellen, enttäuscht sei er aber ohnehin nicht. „Das Wichtigste ist, dass die Box unbeschadet gelandet ist, wir alle Daten auslesen konnten und gemeinsam ein tolles Erlebnis hatten. Darüber sind wir superglücklich.“