„Die Ausstellung ermöglicht es den Besuchern, selbst aktiv zu werden“, hebt Sandra Franz hervor.
Zum Beleg tippt die Leiterin der NS-Dokumentationsstätte mit dem Finger auf einen der digitalen Bildschirme an der Wand. Sofort verschwindet darauf das Themenbild zu deportierten Krefelder Juden während der NS-Zeit und es erscheinen historische Fotos der betroffenen Personen mit ihrem jeweiligen Lebenslauf. Der Besucher kann nun per Fingertipp auswählen, mit welcher Persönlichkeit er sich näher befassen möchte.
Die Ausstellung ist aber nicht nur digital. Neben Vitrinen mit bestürzenden Zeitdokumenten wie „Arbeitspässen“ aus dem Ghetto fallen Holzkisten in den Zimmerecken auf. „Wir stellen solche Boxen als haptischen Kontrast zu den digitalen Medien auf“, öffnet Sandra Franz eine der Boxen. Darin befindet sich ein Stapel Postkarten mit einer Zeichnung von Richard Merländer, dem ursprünglichen Besitzer der Villa. Der jüdische Geschäftsmann wurde in der NS-Zeit zunehmend drangsaliert und schließlich deportiert. Auf der Karte können die Besucher Fragen nach ihrer persönlichen Befindlichkeit zu Heimat und einem Zuhause beantworten. Eine gedankliche Anlehnung an die Erfahrung Merländers und so vieler anderer Juden, aus ihrem Zuhause so grausam entrissen worden zu sein. Die Antworten werden dann für die pädagogische Arbeit ausgewertet.
Mit solchen Zugängen erlaubt die neue Ausstellung Einblicke in sechs Themenfelder der NS-Zeit: Die Geschichte der Villa selbst, die Shoah, die Verfolgung Homosexueller, die sogenannte „Entartete Kunst“ und Zwangsarbeit in Krefeld.
„Es ist eine lebendige Ausstellung geworden“, betont Krefelds Kulturbeauftragte Dr. Katharine Leiska. Denn durch die Digitalisierung kann sie jederzeit mit neuen und weiteren Inhalten versehen werden. Die Bildschirme werden durch einen hauseigenen Server bestückt, sind also stets wandelbar. „Zudem sind sie benutzerfreundlich“, erklärt Sandra Franz. Denn die Besucher können die Info-Texte lesen, wahlweise auch in Leichter Sprache, aber auch über Kopfhörer abhören.
Die Digitalisierung hat noch einen weiteren Vorteil: „Wir können die Inhalte der Ausstellung in die Schulen transportieren“, verweist Sybille Kühne-Franken vom Förderverein der Villa Merländer auf die pädagogischen Möglichkeiten. Mit mobilen Endgeräten lässt sich das Info-Material der Ausstellung auch im Klassenzimmer auswerten.
Der Gedanke, die seit Jahren bestehende Dauerausstellung neu zu gestalten, kam 2023 auf. Ein Team unter Leitung von Robert Muschalla und Franziska Penski haben sie seitdem erarbeitet. Namhafte Institutionen unterstützten die Arbeit finanziell, darunter die Kulturstiftung der Sparkasse Krefeld, die Finkelstein-Stiftung und die NRW-Stiftung. Aber auch viele Privatpersonen und Schulen haben sich beteiligt. Allein 50.000 Euro kamen durch private Spenden zusammen. „Diese Ausstellung beruht auf einer breiten Basis“, bilanziert denn auch Dr. Leiska. Die Bürgerschaft steht offenkundig dahinter.
Nun können alle Bürger die neue Ausstellung in der Villa Merländer an der Friedrich-Ebert-Straße 42 besuchen. Bis zu den Sommerferien ist das Haus täglich von 10 - 16 Uhr geöffnet, donnerstags bis 17.30 Uhr. Samstags und sonntags von 14 - 17 Uhr.