Joel ist 15 Jahre alt. Freunde schätzen ihn für seine Loyalität und liebe Art. Joel hat mehrere Talente, den größten Spaß bereitet ihm die handwerkliche Arbeit. Das ist die eine Seite.
Es gibt jedoch auch jenen Joel, der wegen mehrfachen Diebstahls und Körperverletzung seit zwei Jahren auf der Intensivstraftäterliste geführt wird, von dem massive Selbst- und Fremdgefährdung ausgehen und der keine Regeln und Grenzen akzeptieren kann.
Joel ist emotional extrem instabil, aggressiv und verfügt über keinerlei Impulskontrolle. Familiären Halt kennt er nicht. Die Wutausbrüche fingen in der Kita an. In der Schule wurde es immer schlimmer. Nach mehreren Wechseln landete er auf der Erich-Kästner-Förderschule. Doch auch hier ist ein normaler Klassenunterricht kaum möglich. Joel beleidigt, schlägt, rastet aus. Er schwänzt und wird kriminell. Nahezu alle Unterstützungsmaßnahmen des Schul-und Jugendhilfesystems versiegen.
Ein aussichtsloser Fall – bis er in die intensivpädagogische Klasse der Erich-Kästner-Schule einzieht.
Das Beispiel, das Schulleiter Jörg Geelen bei der Eröffnungsfeier des neuen Lernstandorts skizziert, ist fiktiv. Gleichwohl, betont er, speist sich dieses Szenario aus handfesten Erfahrungen, die er und sein Kollegium seit Jahren machen.
Joels Fall könne genauso gut einen realen Sachverhalt widerspiegeln. Die Erich-Kästner Schule hat den Förderschwerpunkt Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache in der Sekundarstufe I. Rund 230 Kinder und Jugendlichen erhalten hier eine sonderpädagogische Begleitung.
Es gibt aber eine kleine Gruppe, die nicht in diesen Rahmen passt – Kinder wie Joel. Im Fachjargon sind sie Schüler mit komplexen emotional-sozialen Herausforderungen. Sie stehen außerhalb des Regelsystems, auf der Schwelle zur Straße oder zum Gefängnis. Für sie hat die Erich-Kästner-Schule vor fünf Jahren das Konzept der sonderpädagogischen Intensivförderung aufgelegt.
Ein Konzept, das klare Tagesstrukturen in einem geschützten Lernraum vorgibt und den Brückenschlag zur gesellschaftlichen Teilhabe forciert.
Dieses Konzept hat nun eine erhebliche Aufwertung bekommen. Die Intensivklasse hat die ehemalige Hausmeisterwohnung im Souterrain der Schule bezogen und sich hier ein eigenes Refugium geschaffen. Zuvor fand der Unterricht in wechselnden Räumlichkeiten statt.
Nun gilt: Vom Keller aus sollen die Kinder zurück ins Leben finden. Von der Decke baumelt ein Boxsack, daneben steht ein Tischkicker, an der Wand lehnt ein kleines Fußballtor. Dass die frühere Wohneinheit auch noch an diesen riesigen Nebenraum angeschlossen ist, hat den erfreulichen Begleiteffekt, dass die Jugendlichen sich hier ihre eigene kleine Turnhalle hergerichtet haben.
Ansonsten verbindet ein schmaler, langgezogener Flur eine Küche, ein Badezimmer und vier weitere Räume: das Büro, ein Werk- und Kunstraum sowie ein Besprechungs- und Klassenzimmer. Überall ist es gemütlich, detailverliebt und vor allem: ruhig. Der neue, 108 Quadratmeter große Lernort liegt auf dem Schulgelände, hat aber einen separaten Eingang.
Beim mehrmonatigen Umbau haben die Jugendlichen des Projekts „Basement“, so der selbst gewählte Titel, selbst eifrig mit angepackt. Realisiert haben den intensivpädagogischen Standort schließlich Schule und Stadt, insbesondere das Zentrale Gebäudemanagement (ZGM) und die Fachbereiche Schule sowie Jugendhilfe und Beschäftigung waren hier beteiligt.
„Das ist ein Safe Space. Und das ist das Allerwichtigste. Die Jugendlichen sollen wissen: Hier sind sie geschützt, hier kann ihnen nichts passieren“, erklärt Annika Schmitz, die als Schulsozialarbeiterin der Stadt Krefeld an der Erich-Kästner-Schule tätig ist. Seit vier Jahren bildet sie gemeinsam mit dem sonderpädagogischen Lehrer Dennis Prause ein kongeniales Duo, das sich jeden Tag in immenser Betreuungsdichte um die Kleingruppe kümmert. Die beiden tragen und stützen das Projekt maßgeblich. „Alles läuft hier ausschließlich durch Beziehungsarbeit. Sie ist der Schlüssel zu allem. Wir müssen eine starke und verlässliche emotionale Bindung zu den Jugendlichen haben“, sagt Annika Schmitz.
Prause steht neben ihr und blickt auf die Zeichnung einer Pyramide, die im Klassenzimmer hängt. Mit dem Zeigefinger deutet er auf das Fundament: „Genau hier stehen wir, ganz unten. Wir fangen mit den absoluten Basisfähigkeiten an und wirken zuallererst auf Stabilisierung hin, damit wir überhaupt einmal an Lernerfolge denken können.“ Die intensivpädagogische Betreuung adressiert Jugendliche aus den Klassen acht bis zehn.
„Das ist ganz eindeutig kein Dauerplatz hier“, erklärt Prause. „Unser Ziel ist immer die Reintegration in den normalen Schulalltag. Nur wenn wir die Jugendlichen langfristig festigen, ist eine vernünftige Eingliederung in die Gesellschaft möglich.“
Alle drei Monate prüft die Erich-Kästner-Schule deshalb sämtliche Erfolgsfaktoren darauf hin, ob eine Rückkehr in die Regelklassen wieder zu verantworten wäre.
In der Praxis zählt für Schmitz und Prause aber vor allem das Mikromanagement. Das ist hier mit der Mission eines möglichst normalen Schultags verbunden.
Der beginnt um 8.15 Uhr im Gruppenraum mit einem gemeinsamen Frühstück oder einer offenen Gesprächsrunde – wenn alle pünktlich kommen. Daran angedockt ist häufig auch das eher unkonventionelle Fach „Post, Polizei und Drama“.
Der Hintergrund ist bitterernst. Denn die meisten Schüler haben regelmäßig mit der Polizei und Gerichten zu tun. Sich mit den unerfreulichen Briefen der Behörden auseinanderzusetzen, kann wehtun und belasten. Im Klassenverbund gelingt dies schon deutlich besser.
„Die Gruppe besteht aus Jugendlichen, die in ihrem Leben durchweg schon mal mindestens zwei Wochen obdachlos waren. Oft schlafen sie auf der Straße oder im Zug“, berichtet Annika Schmitz. „Wir reden von Menschen, die bis hierhin nicht gelernt haben, eine soziale Beziehung zu führen. Nahezu alles haben sie in ihrem bisherigen Leben abgebrochen.“ Deshalb ist die Unterrichtszeit komprimiert, die Schüler lernen kleinschrittig in 15-minütigen Arbeitsphasen. Nach langer Phase des Schulabsentismus, die hier fast ausnahmslos alle hinter sich haben, ist die Aufmerksamkeitsspanne gering.
Neben den fachlichen Lerninhalten wie Mathe oder Deutsch verfolgt die Arbeit vor allem einen selbstwirksamen Ansatz. Die pädagogische – und nun auch räumliche – Architektur berücksichtigt individuellen Stärken und Schwächen im besonderen Maße. Die Jugendlichen können an einer handwerklichen Aufgabe tüfteln, gemeinsam kochen oder den Boxsack durch die Luft schleudern. Sie können selbst gewählte Projekte wie den Gartenbau oder eine Fahrradwerkstatt eigenmächtig vorantreiben, sich in der ganzen Wohnung verteilen und zurückziehen. Und vor allem können sie Einzelgespräche mit Annika Schmitz und Dennis Prause führen.
Alles folgt der Prämisse: Druck, Überforderung und dem andauernden Krisenmodus soll jeglicher Nährboden entzogen werden. Der neu eingerichtete Lernort kombiniert Lern-, Arbeits- und Rückzugsmöglichkeiten. Und erzeugt dabei bis dato unbekannte Emotionen: Hier spüren die Jugendlichen plötzlich, dass sie positiv agieren können. Nach und nach finden sie zu Selbstvertrauen und Lebensmut.
Das Projekt kann achtbare Erfolge vorweisen und wirkt sich auf nahezu alle Kernbereiche des Lebens positiv aus: Die Schullaufbahn wird angekurbelt, die Kriminalitätskarriere trockengelegt. Und auch zu Hause läuft es bei vielen Jugendlichen, die diese spezialisierte Unterstützungsform erhalten, wieder besser.
Von 2022 bis heute nahmen 37 Schülerinnen und Schülern am „Basement“-Modell teil. Zwölf von ihnen waren bei Aufnahme Intensivtäter, zehn davon mit schweren Delikten. 17 Jugendliche schwänzten die Schule dauerhaft. Sie alle konnten vom massiven Absentismus erfolgreich in den Schulunterricht integriert werden.
Ebenso imposant: 27 Jugendliche wurden in Berufskollegs, Ausbildungen, Wohnprojekte oder Soziale Jahre weitervermittelt.
Annika Schmitz sitzt auf ihrem Bürostuhl und hält einen Brief in der Hand, der ihr wichtig ist. Dieser Brief wurde aus einer Justizvollzugsanstalt verschickt. Von einem Teilnehmenden, den sie hier in der Gruppe „verloren haben“, wie Schmitz das nennt. Und dennoch rührt sie der Inhalt.
Denn aus dem Gefängnis heraus hat sich der Jugendliche bei ihr und Prause für den Rückhalt bedankt. Ohnehin besteht zu sehr vielen ehemaligen Jugendlichen Kontakt, einer hat sich erst kürzlich wieder gemeldet.
Als dieser in die Intensivklasse der Erich-Kästner-Schule wechselte, war seinetwegen in der Wohngruppe, in der er lebte, eine Sicherheitskraft erforderlich. Wenig später flog er hier raus, lebte obdachlos. Jeden Morgen aber schaffte er es verlässlich zur Intensivklasse. Hier schaffte er allmählich die Wende. Heute hat er eine Dachdecker-Ausbildung abgeschlossen, ist im Rettungsdienst aktiv und engagiert sich in einer sozialen Organisation, die wohnungslosen Menschen hilft.