Nach der langen Ära des bisherigen Ballettdirektors Robert North setzt sein Nachfolger Manuel Gross am Stadttheater neue Akzente. Der Ballettchef hat zwei renommierte Gastchoreografen eingeladen: den Österreicher Boris Randzio und den Portugiesen Hugo Viera. Beide inszenierten jeweils ein Tanzstück, das nacheinander an einem Abend zu sehen ist. Die Doppelvorstellung „Der Sandmann / Shift“ feierte am vorigen Samstag Premiere.
Boris Randzio greift in seiner Choreografie eine abgründige Erzählung des romantischen Schriftstellers E.T.A.Hoffmann auf: „Der Sandmann“. So ist auch der erste Teil des Ballettabends betitelt.
Die Erzählung stammt aus dem Jahre 1815, mutet mit ihrem psychologischen Hintergrund aber erstaunlich modern an. Es geht um die zerstörerischen Folgen eines Kindheitstraumas, das der Student Nathanael durch eine scheinbar gruselige Szenerie im Elternhaus erlitten hat.
Tänzer Radoslaw Rusiecki drückte in der Premiere die Verzweifelung seiner Figur in dramatischen Bewegungen aus; immer wieder umkreist vom Gruppenensemble, das wohl die inneren Gespenster personifiziert. Der Zuschauer erlebt die Entstehung der seelischen Nöte geradezu magisch mit, wenn der Solotänzer einen Scheinwerfer über die abgedunkelte Bühne schiebt und die getanzte Erinnerung an den Ursprung seines Traumas in schummrige Lichtkegel bannt. Da helfen denn auch die Tröstungen seiner Geliebten Clara (Jessica Gillo) und seines Freundes Lothar (Stefano Vangelista) nicht mehr, die als weitere Solotänzer in farbigen Kostümen ihn zu retten versuchen.
Ein besonderer Kniff der Inszenierung besteht in der Einbeziehung des Wortes. Aus dem Off ertönt zweimal die Stimme Randzios, der Auszüge aus dem Hoffmannschen Text vorträgt. Das verdichtet buchstäblich die unheimliche Atmosphäre der Geschehnisse.
Die Zuschauer der Premiere zeigten sich von der Inszenierung denn auch begeistert und spendeten den Künstlern kräftigen und langen Applaus.
Die Einbeziehung von Sprache wirkt wie eine formale Klammer zum zweiten Teil des Abends, den Hugo Viera unter dem Titel „Shift“ choreografiert hat. Diesmal aber trägt ein Kollege der Schauspielsparte, Henning Kallweit, sichtbar auf der Bühne den Text vor, den er selbst zusammen mit Hugo Viera entworfen hat. Und dieser Text vermittelt kluge Einsichten zum Thema Veränderung im menschlichen Leben. Er verleiht dem Geschlechtertanz zweier Solotänzer, Kotori Sasago und Marko Matic, einen Rahmen. Denn im Gegensatz zum „Sandmann“ verzichtet Viera in seiner abstrakten Choreografie auf eine Handlung. Besonders deutlich wird das Thema Veränderung, wenn aus einem Solotanz unter Verwendung gänzlich anderer Musikfarbe ein Pas de deux wird. Die Einsamkeit löst sich in der Zweisamkeit auf.
Das Premierenpublikum reagierte auf diese in Krefeld ungewohnte Choreografie mit tosendem Applaus, der von großen Teilen des Parketts sogar stehend gespendet wurde.
Informationen
Weitere Vorstellungen: 31. (16 Uhr) Mai; 6. (18 Uhr), 7., 12., 21., 24. Juni; 10. Juli. Beginn: 19.30 Uhr. Am 28. Mai, 12. und 24. Juni gibt es jeweils um 18.45 Uhr eine Einführung.
Karten an der Theaterkasse, Tel.: 02151/805 125 oder www.theater-kr-mg.de