Keine Frage, niedlich sind sie, die beiden neun Wochen alten Kitten mit den schottischen Namen Maisie und Blair im Tierheim Mönchengladbach... Wenn man aber erfährt, welche Pein Scottish Fold-Katzen mit ihrer Geburt ins Körbchen gelegt bekommen, macht das nur noch traurig, wütend, fassungslos.
Scottish Folds kommen aus Qualzucht, wie Tierheimleiterin Jasmin Pulver erklärt. Die typischen „Faltöhrchen“ sind ein Gendefekt, der mit schwersten, schmerzhaften Knorpel- und Knochenschäden im ganzen Körper einhergeht. In Deutschland ist ihre Zucht verboten. „Aber dann sehen die Leute Taylor Swift mit ihren Scottish Folds und dann wird das als schön empfunden – und übers Internet bekommt man ja alles, von illegalen Züchtern, aus dem Ausland...“
Dass Scottish Folds weniger aktiv sind als andere Katzen und nicht hoch springen, werde aus Unwissen dann gern auf ein „ruhigeres Naturell“ geschoben. Tatsächlich haben die armen Tiere Schmerzen, müssen ihr – oft verkürztes – Katzenleben lang Schmerzmittel bekommen und vor großen Sprüngen bewahrt werden.
„Eine Perversion ist das“, so Pulver. „Das sind zum Leiden verurteile Tiere!“ Maisie und Blair sind dabei nicht die einzigen. Der kleine Scottish Fold „Henry“ musste kürzlich vom Tierarzt erlöst werden, so schlimm stand es um ihn. Zwei langhaarige Highland Folds (Mutter und Tochter, vermutlich mit Inzestgeschichte) warten ebenfalls im Tierheim auf „Dosenöffner“, die sich der gequälten Seelchen mit Herz und Verstand annehmen.
Bei den Hunden ist es kaum anders. Nach einer Sicherstellung durch das Ordnungsamt lebt und röchelt (!) Zwergspitz Teddy zurzeit im Tierheim. Auch der Pomeranian wird von Tierschutzorganisationen und Tierärzten als Qualzucht eingestuft, da bei ihm alles so kleingezüchtet wird, dass es zu Schädelfehlbildungen und Atemnot kommt. Ähnliches gilt für Möpse, Französische Bulldoggen und andere „Plattnasen“. Auch der u.a. wegen It-Girl Paris Hilton beliebte Chihuahua leidet durch Extrem-Züchtungen (Teacup-Schädel) unter Schädeldruck und Atemnot. Tierheimleiterin Pulver hat selbst Chihuahua Holly aus dem Tierheim übernommen und weiß genau, wovon sie spricht.
Auch bei den Kleintieren gibt es Qualzucht, wie Pulver weiter erklärt. Widderkaninchen – auch davon gibt es welche im Tierheim – haben nämlich nicht nur „süße Schlappohren“, sondern Ohrenleiden und chronische Schmerzen!
Spätestens wenn aus „süß“ irgendwann krank und teuer (Medikamente, Tierarztkosten) wird, ist das Tier manchen Besitzern eine Last, wird ausgesetzt, ins Tierheim abgeschoben oder sich selbst überlassen. Was Jasmin Pulver da schon alles erlebt hat: Katzen, die sich in sozialen Brennpunkten unkontrolliert vermehren (trotz Kastrations- und Chip-Gebot). Animal Hoarding. Ungeimpfte Tiere. Hunde, die noch nie eine Tierarztpraxis von innen gesehen haben... „Da wird nichts getan für die Tiere!“, ist Pulver empört. „Ein Besitzer war noch ganz stolz darauf, dass sein fünfjähriger Hund noch nie beim Tierarzt war, dabei hatte der ein ganz, ganz schlimmes Gebiss!“
Doch da ist noch ein großes Problem, das zu ständigen „Neuzugängen“ im Tierheim führt: Menschen, die aus Unwissenheit oder Ignoranz Hunde anschaffen, die sie spätestens, wenn sie aus dem Welpenalter raus sind, überfordern: große Rassen, Hüte- und Arbeitshunde wie Schäferhund und Malinois, Molosser wie Dogge und Bärenhund, Rassen, die besondere Bedarfe haben, was Erziehung, Führung, Bewegung und Beschäftigung angeht. „Dann kommen die Leute nicht klar und dann ist das Tierheim ja da!“, ärgert sich die Tierheimleiterin, die weiß, wie viel (Vertrauens-)Arbeit es ist, Hunden beispielsweise Dominanzverhalten wieder abzutrainieren. Aktuell gibt es einiger solcher Hunde im Tierheim.
„Die Leute sollen sich erst einmal informieren, ‚Was schaffe ich mir da für ein Tier an?’“, rät Jasmin Pulver daher allen, die sich ein Tier anschaffen wollen. „Gern auch hier bei uns im Tierheim, wir beraten gern über Rassen. Und unbedingt zuerst beim Tierschutz schauen, bevor man zum Züchter geht!“
Im Tierheim warten noch weitere liebenswerte Tiere auf gute Menschen, darunter Hahn Karl-Otto mit seinem Harem Gertrude, Hildegard und Brunhilde, neun Kaninchen, rund 20 Vögel, darunter Wellensittiche, Nymphensittiche, Unzertrennliche und Senegalpapagei Pedro.
Mehr Info, auch rund um Unterstützungsmöglichkeiten, unter www.tierschutz-moenchengladbach.de