Der ehemalige Professor mehrerer amerikanischer Universitäten beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Wurzeln seiner Familie am Niederrhein. Nun kehrte er gemeinsam mit seiner Familie an einen Ort zurück, der für die Geschichte seiner Vorfahren von besonderer Bedeutung ist.
David Elcotts Mutter Ruth Meyer musste 1939 vor den Nationalsozialisten aus Krefeld fliehen und gelangte über England in die USA. Die Familiengeschichte reicht jedoch noch weiter zurück: Sein Ururgroßvater Michael Servos lebte Mitte des 19. Jahrhunderts in Anrath und wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Ziesdonk beigesetzt.
Am Sonntag besuchte die Familie zunächst die Stolpersteine der Familie Servos sowie die Erinnerungstafel an die ehemalige Anrather Synagoge. Anschließend führte der Weg zum jüdischen Friedhof, wo die Angehörigen am Grab ihres Vorfahren eine kleine Gedenkzeremonie abhielten.
Begleitet wurde der Besuch von Bürgermeister Christian Pakusch, Stadtarchivar Udo Holzenthal sowie Vertreterinnen und Vertretern der Heimat- und Geschichtsfreunde und des Anrather Heimatvereins. Besonders engagiert bei der Vorbereitung und Begleitung des Besuchs waren Bernd-Dieter Röhrscheid, Peter Borger, Marlies Pasch und Christoph Carlhoff. Durch ihre Recherchen und ihr ehrenamtliches Engagement konnten zahlreiche historische Bezüge hergestellt und die Geschichte der Familie für die Gäste aus den USA greifbar gemacht werden.
Die Geschichte der Familie Servos steht beispielhaft für die Geschichte vieler jüdischer Familien am Niederrhein. Auch in den heutigen Willicher Stadtteilen lebten über Generationen hinweg jüdische Bürgerinnen und Bürger, die das gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben mitprägten. In Anrath bestand bis zur Zeit des Nationalsozialismus eine jüdische Gemeinde mit eigener Synagoge. Zahlreiche Familien wurden verfolgt, entrechtet, zur Flucht gezwungen oder in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet. Stolpersteine, Gedenktafeln und die erhaltenen jüdischen Friedhöfe erinnern heute an ihre Schicksale und halten die Erinnerung an sie wach.
Sichtlich bewegt sagt Bürgermeister Christian Pakusch: „Wenn Menschen nach Jahrzehnten und über Kontinente hinweg in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren, dann wird Geschichte ganz persönlich. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, die Erinnerung an die jüdischen Familien in unserer Stadt lebendig zu halten. Sie gehören zu unserer Geschichte, zu unserer Identität und zu unserem Selbstverständnis als offene und demokratische Gesellschaft. Dass die Familie Elcott heute hier sein kann, ist ein starkes Zeichen dafür, dass Erinnerung Brücken baut – über Generationen und über Grenzen hinweg.“
Im Namen der gesamten Familie bedankte sich David Elcott für den herzlichen Empfang und die Unterstützung vor Ort. „Wir sind überwältigt von Eurer außerordentlichen Gastfreundschaft“, erklärte er zum Abschluss des Besuchs.
Als Erinnerung an den Aufenthalt in Willich überreichte Bürgermeister Pakusch der Familie zwei Picknickdecken der Stadt Willich – verbunden mit dem Wunsch, diese eines Tages im Central Park in New York oder im Golden Gate Park in San Francisco wiederzusehen.
Für die Familie Elcott geht es nun zurück in die Vereinigten Staaten. Die Eindrücke und Begegnungen in der Heimat ihrer Vorfahren werden jedoch bleiben – ebenso wie die Gewissheit, dass Erinnerung und Geschichte Menschen auch über Ozeane hinweg miteinander verbinden können.