Die „hauseigene“ Legende besagt, dass Anfang der 80er Jahren eine Handvoll Vorster Jugendliche einen Raum im leerstehenden Krankenhaus an der Lindenallee besetzt haben. Sie wollten einen geschützten Platz für sich: Wo sie sich treffen, austauschen und selber entscheiden durften. Schließlich teilte man ihnen Räume in der alten Förderschule zu: „Das war der Startschuss für den heutige Kinder- und Jugendtreff „Das Wohnzimmer“ an der Gerkeswiese“, berichtet Bürgermeister Kevin Schagen.
Seit über viereinhalb Jahrzehnten sei die Einrichtung ein sicherer Hafen, ein Mitbestimmungsort und das „sprichwörtliche“ Wohnzimmer für Generationen von Vorster Jugendlichen. „Damals wie heute gilt das Prinzip der Partizipation“, erläutert Nathalie Maas-Wassermann, heutige Leiterin der städtischen Einrichtung. So gingen beispielsweise viele Angebote auf die unmittelbaren Vorschläge der Kinder- und Jugendlichen zurück – auch was den Namen der Einrichtung betrifft. Ein Blick zurück:
1981 – Die Geburtsstunde („Teestube“): Jugendliche besetzen Räumlichkeiten des ehemaligen Krankenhauses, um eigenen Raum einzufordern. Die Stadt reagiert konstruktiv und stellt Räume der ehemaligen Förderschule zur Verfügung. Zunächst komplett selbstverwaltet, etabliert sich der Name „Teestube“ - die damalige Teestube ist das heutige Café. Inhalte & Programm? Klassische Gesellschaftsspiele und die legendäre wöchentliche Disco am Donnerstag in Räumlichkeiten, die von den Jugendlichen in den Räumen der ehemaligen Förderschule in Eigenregie umgebaut und gestaltet wurden.
80 und Anfang der 90er Jahre: Ära des Jugendtreffs Vorst: Im Zuge der Professionalisierung stellt die Stadt einen hauptamtlich beschäftigten Sozialarbeiter ein. Die Einrichtung wird offiziell in Jugendtreff Vorst umbenannt. Besonderes Highlight? Das „Pink & White“ – eine Art eigene, gemütliche Jugendkneipe innerhalb der Einrichtung, die ein wichtiger Treffpunkt für die älteren Jugendlichen war. Darüber hinaus gibt es strukturierte Ferienprogramme, die Etablierung einer festen Mädchengruppe, Kreativangebote wie die Tonwerkstatt, eine eigene Fahrradwerkstatt sowie ein intensiv genutzter Fitnessraum.
2000er Jahre: Rockkonzerte unter dem Label „Vorst forward“ prägen diese Phase neben den angeleiteten Angeboten. Zudem wurde die beliebte „Movie Time“ eingeführt – die den Jugendlichen bis heute echtes Kinofeeling bietet. Im offenen Treff sind sowohl Konsolenspiele als auch Brettspiele beliebt. Mitmach-Kinder-Theaterstücke – angeleitet von externen Theaterpädagogen – runden das Angebot ab.
2017/2018 – Modernisierung und gelebte Partizipation („Das Wohnzimmer“): Es folgt eine konzeptionelle und räumliche Umstrukturierung – nach einem Partizipations-Prozess mit den jungen Besucher*innen: Räume werden neu aufgeteilt, umbesetzt und modernisiert. Dazu gehört, dass die Leitung ihr bisheriges Büro aufgibt und der Raum stattdessen Rückzugsort für die 12- bis 27-Jährigen mit eigener Sofa-Ecke, Fernseher und Internet-Arbeitsplatz wird. Einen eigenen Rückzugsbereich für Kinder hält der Gruppenraum bereit: in der Kinderecke. Das Café wird einem großflächigen Gemälde des Graffiti-Künstlers Johannes Veit verziert – ergänzt um lederbezogene Sofas im Chesterfield-Style. Ergänzend dazu erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit im Rahmen eines echten demokratischen Prozesses selbst zu entscheiden, wie ihr Treff heißen soll. Die Wahl fällt eindeutig aus: Seit 2018 trägt die Einrichtung den offiziellen Namen „Kinder- und Jugendtreff Das Wohnzimmer“.
2026 – Der heutige Kinder- und Jugendtreff verfügt über fünf Räume inklusive Lagerraum im Keller auf insgesamt 530 Quadratmetern. Nintendo Switch, Playstation, Fernseher, Billard-Tisch, Kicker und unzählige Puzzle- und Gesellschaftsspiele hält der Raum des offenen Treffs nebst eigenem Kiosk und Theke bereit. Soziale Medien und ihre Auswirkungen spielen inzwischen eine zunehmende Rolle bei der offenen Kinder- und Jugendarbeit, verändern die soziale Interaktion. Damals wie heute gilt: „Der Jugendtreff ist ein sicherer Zufluchtsort für Kinder und Jugendliche von 6 bis 27 Jahren, ein ‚wertfreier Ort‘, wo sie einfach erzählen dürfen und ihnen jemand zuhört“, so die Leiterin und ergänzt. „Wo sie sich in einem sicheren Raum mit Gleichgesinnten treffen können und es keine Pflicht gibt, erscheinen zu müssen.“
Angeleitete Angebote ergänzen den offenen Treff. Dazu gehören Nähen, Töpfern, ein Chor, Kochen sowie eine Mädchen- und Jungengruppe. Darüber hinaus bietet die Einrichtung zusätzlich Spiel- und Erlebnispädagogik an, wie zum Beispiel ein Familien-Outdoor-Tag oder aber Camping-Adventures für 8 bis 15-Jährige. Waren früher Gesellschaftsspiele gefragt, sind es heute eher Spiele für Großgruppen. Und so macht das Wohnzimmer Angebote, wie ein Mario-Kart-Turnier, Karaoke-Night oder eine Schnitzeljagd. Ende September wird es wieder mit „Noise against Hate“ ein Konzert geben: Regelmäßig nimmt der KJT am Kulturrucksack teil und macht den Kindern während der Herbstferien zusätzlich die unterschiedlichsten Angebote: „Das kann Improvisationstheater, aber auch Kampfkunst oder aber eine Schmuckwerkstatt sein“, so Maas-Wassermann.
Rund 30 bis 35 Kinder und Jugendliche besuchen an einem normalen Tag das Wohnzimmer – an Karneval können es schon mal über 90 werden. 14 Teamer begleiten als ehrenamtliche Helfer*innen die städtische Einrichtung. „Ohne diese Ehrenamtler wäre das umfassende Angebot nicht möglich“, bedankt sich Maas-Wassermann ausdrücklich bei den Teamern. Darüber hinaus gab und gibt es Netzwerke und Kooperationen, wie beispielsweise mit dem LVR Rheinland oder aber der KG Rot-Weiß.
Feier anlässlich 45 Jahre lebendige und bewegter Kinder- und Jugendarbeit im Ortsteil Vorst: Gefeiert wird das Jubiläum am 10. Oktober 2026 mit einem eintrittsfreiem Mittelalterfest. Angeboten wird ein Ritterturnier für Kinder, ein Mittelalterlager, Marktstände, eine Taverne sowie Musik und Tanz. Abschließend gibt es noch ein Revival-Disco im Treff selbst ab 20 Uhr.