Konverterbaustelle in Osterath Nebensache Artenschutz?

Osterath · Dass der Bau des Doppelkonverters in Osterath ein Streitthema ist, ist hinlänglich bekannt. Jetzt hat auch der Meerbuscher Aktionskreis für Tierrechte und Naturschutz Kritik geäußert. Der Vorwurf der Inititative: Der Amphibienschutz werde von Behörden und vom verantwortlichen Unternehmen Amprion nicht hinreichend ernstgenommen.

Meerbuscher Tierschützer kritisieren, wie die Artenschutzvorgaben an der Konverter-Baustelle in Osterath bislang von den Behörden und dem zuständigen Unternehmen Amprion umgesetzt worden sind.

Foto: Thomas Hippel

Seit einiger Zeit recherchiert der Aktionskreis schon zu der Frage, wie die behördlich festgeschriebenen Artenschutzmaßnahmen bei den 2023 begonnenen Bauarbeiten Amprions in Osterath umgesetzt werden und wie gut die Kontrolle durch die Untere Naturschutzbehörde (UNB) funktioniert. „Im Zeitraum von Ende Juni 2023 bis Ende November 2025 sind wir in unregelmäßigen Abständen den in der Baugenehmigung vom 23. November 2022 festgeschriebenen Amphibien-/Reptilienschutzzaun entlanggefahren und haben Fotos von unsachgemäßem Aufbau und Lücken gemacht“, berichtet Tierschützerin Elke Mertens. Über die Mängel habe man die von Amprion beauftragte ökologische Baubegleitung schon frühzeitig informiert und auch Kontakt zur Unteren Naturschutzbehörde des Kreises aufgenommen. Allerdings habe man erst im Juni 2025 die Zeit gefunden, die Vielzahl an Fotos chronologisch zu ordnen und sie mit den in der Baugenehmigung formulierten Vorgaben zur Errichtung des Schutzzaunes rund um das Konverter-Baufeld und die Lagerfläche für die Bodenmiete zu vergleichen. Das Ergebnis der Auswertung: Die von Amprion bei der Unteren Naturschutzbehörde mit dem Datum 31. März 2023 angegebene Fertigstellung des Zauns habe nicht den Tatsachen entsprochen.

„Er war auch 2024 nicht fertig, und die festgeschriebenen Vorgaben zum Bau des Schutzzauns waren selbst bis vor Kurzem noch nicht komplett erfüllt, wie unsere Dokumentation klar zeigt. Erst in den vergangenen Wochen sind die letzten Lücken im Schutzzaun geschlossen worden, was aber auch nicht viel bringt, wenn dann – wie wir es immer wieder beobachten – die Zufahrtstore auch über Nacht offen stehen und es so Amphibien ermöglichen, auf das Gelände zu gelangen“, so Mertens. Sie fragt sich auch: „Womit konnte Amprion die Untere Naturschutzbehörde davon überzeugen, dass der Zaun fertiggestellt war und die Tiere schützen konnte – und dann die Baugenehmigung zu erteilen?“

Ferner bemängelt der Meerbuscher Aktionskreis für Tierrechte und Naturschutz, dass auf der 2024 eingeebneten Amprion-Ausgleichfläche im Süden Osteraths (Im Siep, gegenüber dem Konvertergelände) bislang keine neuen Senken und Mulden angelegt wurden, damit sich in diesem Frühjahr wieder Laichplätze für Kreuzkröten bilden können, die nur in Klein- und Kleinstgewässern (Pfützen, Tümpel) laichen. „Die gesetzlich streng geschützten Kreuzkröten sind nicht nur in NRW in ihrem Bestand gefährdet, sondern gehören in ganz Mitteleuropa zu den am stärksten gefährdeten Amphibienarten. Seit mindestens 2018 haben sie sich erfreulicherweise im Süden Osteraths angesiedelt. Damals haben wir zum ersten Mal einige dieser Tiere gesehen. 2019 konnten wir die ersten Fotos machen und im Juni 2023 dokumentieren, wie Kreuzkröten in einem größeren Tümpel auf der Amprion-Ausgleichsfläche laichten und sich Nachwuchs entwickelte“, führt Elke Mertens aus.

Um Antworten auf ihre offenen Fragen im Zusammenhang mit der Umsetzung der vorgeschriebenen Amphibienschutzmaßnahmen und auch auf ihre Forderung nach Wiederherstellung des Laichhabitats auf der eingeebneten Ausgleichsfläche zu erhalten, haben die Meerbuscher Tierschützer in den vergangenen Monaten mehrfach den Kontakt mit Amprion wie auch mit der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) des Rhein-Kreises Neuss gesucht. Zufriedenstellend sei der Austausch allerdings nicht verlaufen, sagt Elke Mertens.

„Unsere Anfragen an Amprion selbst wurden bis heute nicht beantwortet, und auch von der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) gab es bislang keine befriedigende Rückmeldung. Zwar hat uns die UNB, nachdem wir einen gebührenpflichtigen Antrag gemäß Umweltinformationsgesetz gestellt haben, mitgeteilt, dass sie auf Grundlage des Protokolls der ökologischen Baubegleitung die Genehmigung zum Bau des Konverters erteilt habe. Allerdings sind von den acht Seiten des Protokolls, das der Erklärung beigefügt ist [und das auch dem Extra-Tipp vorliegt, Anm. d. Red.] siebeneinhalb Seiten geschwärzt, darunter alle Fotos, so dass wir keine Möglichkeit haben, diese mit unseren Fotos zu vergleichen“, bemängelt die Tierschützerin. Sie kritisiert auch, dass die Untere Naturschutzbehörde offenbar keinen Grund gesehen hat, an den Angaben der von Amprion beauftragten ökologischen Baubegleitung zu zweifeln, und folglich die ordnungsgemäße Umsetzung der Maßnahmen nicht kontrolliert habe.

So sehen die Seiten des Protokolls der ökologischen Baubegleitung, das die Untere Naturschutzbehörde des Kreises auf Nachfrage an den Meerbuscher Aktionskreis für Tierrechte und Naturschutz geschickt hat, weitgehend aus. Der Großteil des Dokuments ist geschwärzt.

Foto: Screenshot RBAV

„Vor diesem Hintergrund merkt man schon, wie sehr das Konverter-Projekt politisch gewollt ist und dass der Artenschutz hier offensichtlich nur die zweite Geige spielt“, so Mertens. Inzwischen habe man sich daher auch entschieden, eine Anwältin für Umweltrecht einzuschalten, die jetzt in einem Antrag an die UNB formulieren soll, welche „Hausaufgaben“ diese noch in Sachen Amprion und Artenschutz aus Sicht der Meerbuscher Tierschützer zu erledigen hat.

Auf den Vorwurf eines schnellen „wohlwollenden“ Durchwinkens der Baugenehmigung vom Extra-Tipp angesprochen bekräftigt Benjamin Josephs, Pressesprecher des Rhein-Kreises Neuss, dem die Untere Naturschutzbehörde untergeordnet ist, dass „Amprion die Fertigstellung des Zaunes in Text und Bild nachgewiesen“ habe. Auch sei der geplante Baubeginn der Unteren Immissionsschutzbehörde für ein Datum nach Fertigstellung des Zaunes angezeigt worden. „Seitens der Unteren Naturschutzbehörde gab es keine Gründe, den dort dargestellten Sachverhalt anzuzweifeln“, so Josephs. Hinweise, dass bereits vorher mit den Arbeiten begonnen wurde, lägen ebenfalls keine vor. „Hierzu finden sich auch in den umfangreichen Dokumentationen, die Frau Mertens der Unteren Naturschutzbehörde geschickt hat, keinerlei Hinweise“, zweifelt der Pressesprecher zudem die Aussagekraft des vom Aktionskreis für Tierrechte und Naturschutz vorgelegten Bildmaterials an.

Die fast komplette Schwärzung des den Tierschützern zugesandten Protokolls der von Amprion beauftragten ökologischen Baubegleitung erklärt Josephs damit, dass eine Weitergabe ohne Einwilligung von Amprion nicht zulässig sei und das Unternehmen lediglich der Weitergabe der nicht geschwärzten Teile zugestimmt habe. Amprion teilte dem Extra-Tipp auf Nachfrage wiederum mit, dass die UNB für die Schwärzungen verantwortlich sei – eine übliche Vorgehensweise bei „nicht-relevanten Themen von Anfragen“, wie Joelle Bouillon, Leiterin Projektkommunikation bei Amprion, betont.

Was die Frage nach den nachts oftmals unverschlossenen Zufahrtstoren betrifft, so räumt Kreis-Pressesprecher Josephs ein, dass es in der Vergangenheit immer wieder Probleme damit gegeben habe, dass die Amphibienschutzzäune an den Toren nachts nicht richtig geschlossen wurden. „Hierauf hat der Rhein-Kreis Neuss das Unternehmen Amprion hingewiesen, woraufhin die Schutzzäune an den Toren sorgfältiger geschlossen wurden“, so Josephs. Auf Anfrage von Amprion habe die Untere Naturschutzbehörde aber auch bestätigt, dass die Schutzzäune an den Toren in den Wintermonaten geöffnet bleiben dürfen, da in dieser Zeit nicht mit Amphibienaktivitäten zu rechnen sei und das Zaunmaterial durch das Hoch- und Runterklappen bei frostigen Temperaturen verstärkt beschädigt werden kann. Mittlerweile sei Amprion jedoch angewiesen worden, die Schutzzäune an den Toren wieder nachts komplett zu schließen. Auch Amprion beteuert auf Nachfrage hin, dass die Tore seit Mitte Januar nachts wieder verschlossen würden.

Und die Wiederherstellung des zerstörten Laichhabitats der Kreuzkröten auf der Ausgleichsfläche „Im Siep“? Derartiges sei aktuell nicht vorgesehen, heißt es von Seiten des Kreises und von Amprion. So habe es, wie Kreissprecher Josephs ausführt, in dem Bereich in der Vergangenheit immer wieder größere Wasseransammlungen in Bodensenken gegeben, wodurch angrenzende Wege überspült wurden und zeitweise nicht mehr genutzt werden konnten: „Dies betraf sowohl Wege für Materiallieferungen als auch einen Fußgänger- und Fahrradweg, welcher von den Anwohnern zur Naherholung genutzt wird.“ Folglich habe man sich entschlossen, die Bodensenken zu verfüllen, auch weil aufgrund der Fortpflanzungsbiologie der Kreuzkröte hier keine artenschutzrechtlichen Bedenken bestanden. Josephs: „Kreuzkröten nutzen in der Regel temporäre Kleingewässer als Laichgewässer. Dies können bereits Pfützen oder andere kleinere Wasseransammlungen sein, welche nicht dauerhaft bestehen, sondern nach relativ kurzer Zeit wieder verschwinden. So kann es jederzeit passieren, dass das vorjährige Laichgewässer der Kreuzkröte im darauffolgenden Jahr auch ohne anthropogene Einwirkung nicht mehr vorhanden ist. Die Biologie der Kreuzkröte ist an diesen temporären Aspekt der Laichgewässer angepasst.“ Außerdem, so Josephs, würden für die Bedürfnisse der Kreuzkröten in räumlicher Nähe andere temporäre Kleingewässer be- und entstehen – insbesondere mit Blick auf die Regenrückhaltebecken auf dem Konvertergelände.

Die Umsetzung des vorgeschriebenen Amphibien-/Reptilienschutzzauns durch Amprion hat der Meerbuscher Aktionskreis für Tierrechte und Naturschutz von Anfang an mit Fotos dokumentiert. Dieses Bild wurde am 15. August 2023 aufgenommen, viereinhalb Monate nach angeblicher Fertigstellung des Zauns. Laut den Vorgaben müssen die einzelnen Bauelemente lückenlos miteinander verbunden und mit einem Übersteigschutz versehen sein.

Foto: Meerbuscher Aktionskreis für Tierrechte und Naturschutz

Für Elke Mertens entsprechen die Ausführungen seitens des Kreises nicht den Tatsachen. Die Fotos des Meerbuscher Aktionskreises aus dem Zeitraum vom 7. Juni bis 2. Oktober 2023 zeigten eindeutig die unzureichende Umsetzung des in der Genehmigung vom 23. November 2022 festgeschriebenen Amphibien-/Reptilienschutzzauns, insbesondere am Feldweg Alte Landwehr. „Unter anderem waren dort in diesem Zeitraum nicht alle Bauelemente des Amphibienschutzzauns lückenlos miteinander verbunden, was Grundvoraussetzung für einen funktionsfähigen Amphibien-/ Reptilienschutzzaun ist. Die Zaunplane war nicht durchgehend zehn Zentimeter tief eingegraben, der obere Rand des Amphibienschutzzauns war nicht mit einer Spannschnur oder Ähnlichem gesichert, so dass der Zaun an mehreren Stellen umgeklappt am Boden lag, und es gab keinen Übersteigschutz, der verhindert hätte, dass Amphibien oder Reptilien den Schutzzaun überklettern“, konstatiert Mertens. Zudem sei die Vorgabe, dass die von Amprion beauftragte ökologische Baubegleitung die Funktionstüchtigkeit des Zauns wöchentlich kontrolliert, offensichtlich auch nicht erfüllt worden: „Wir haben zum Beispiel 2023 eine größere Lücke am Schutzzaun an der Landwehr dokumentiert, die über zwei Monate bestand, mindestens vom 27. Juli bis 2. Oktober.“ Auch 2024, als die Bauarbeiten schon in vollem Gange waren, sei, wie Mertens weiter ausführt, der Zaun nicht vollständig umgesetzt gewesen. Entsprechendes Bildmaterial des Arbeitskreises dokumentiere hier „Lücken um das Konverter-Baugelände und die Erdlagerfläche“.

„Auch was das für eine Schutzmaßnahme sein soll, die Schutzzäune an den Toren zur Konverterbaustelle in den Wintermonaten geöffnet zu lassen, weil nicht mit Amphibienaktivitäten zu rechnen ist, erschließt sich uns nicht“, fährt Mertens fort. Sie betont: „Laut Genehmigung sollen nicht nur Amphibien und Reptilien davor geschützt werden, ins Baufeld einzuwandern und dort verletzt oder getötet zu werden, sondern eben auch ,andere Tiere‘, von denen im Umfeld des Konverters etliche leben, die weder in Winterstarre noch Winterschlaf fallen. Baugruben und wassergefüllte Regenauffangbecken zum Beispiel können für Tiere tödlich sein, aber offenbar ist es wichtiger, dass Amprions Zaunmaterial bei frostigen Temperaturen nicht beschädigt wird.“ Und Mertens bemängelt weiter, dass auch die mittlerweile erfolgte Anweisung der UNB, die Schutzzäune an den Toren nachts wieder komplett zu schließen, nach wie vor nicht konsequent umgesetzt werde.

Den Ausführungen Josephs‘ zur Verfüllung der Bodensenken auf der Ausgleichsfläche widerspricht Mertens ebenfalls. Fakt sei, dass die Einebnung im August 2024 erfolgt sei. Eine größere Überschwemmung des Bereichs, die sich zudem in einer Senke fernab des Standorts der kleineren, von den Kreuzkröten als Laichhabitat genutzten Senken gebildet habe, datieren die Tierschützer aber erst auf den Januar 2025. Folglich könne diese wohl kaum Anlass der Einebnung gewesen sein. Mertens ist sauer: „Es kann nicht sein, dass einerseits von der EU und auch vom Land NRW geförderte Projekte notwendig geworden sind, um die Lebensräume gefährdeter Amphibienarten, darunter die Kreuzkröte, nachhaltig zu sichern und den Verlust geeigneter Laichgewässer durch Anlage neuer Gewässer auszugleichen, während Amprion in Osterath ein seit Jahren bestehendes Laichhabitat für Kreuzkröten dem Erdboden gleichmachen lässt und die Untere Naturschutzbehörde ganz offensichtlich Rückendeckung gibt.“