Eklatanter Personalmangel im Festivalbüro Akzente gehen auf dem Zahnfleisch

Duisburg · „Trotz hoher Inzidenzen brachten die Organisatoren der ‘Akzente‘ wieder ein Stück kulturelle Normalität ins Leben der Menschen zurück“, heißt es in der offiziellen Bilanz der 43. Duisburger Akzente, die letzten Sonntag zu Ende gegangen sind. Doch was die Verantwortlichen Karoline Hoell und Clemens Richert am Montag schilderten, klingt erschreckend.

Die überwältigende Constanze Becker als Medea. Mit der unfassbar gut inszenierten und gepsielten, am Sonntag aber nur mäßig besuchten Tragödie um die mythische Kindermörderin gingen die 43. Duisburger Akzente zu Ende.

Die überwältigende Constanze Becker als Medea. Mit der unfassbar gut inszenierten und gepsielten, am Sonntag aber nur mäßig besuchten Tragödie um die mythische Kindermörderin gingen die 43. Duisburger Akzente zu Ende.

Kein leichter Einstieg für Matthias Börger. Sabine Smolnik, im Festivalbüro u. a. für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, stellt ihn auf der Bilanzpressekonferenz mit seinem vollen Titel vor: „Beigeordneter für Umwelt und Klimaschutz, Gesundheit, Verbraucherschutz und Kultur“ - und macht damit, ungewollt oder nicht, auch klar, an welcher Stelle in Duisburg die Kultur steht. Er sei „wirklich ein bisschen überfahren worden“, sagt der Kulturdezernent und meint aber die Vielfalt der Akzente-Veranstaltungen: „Die Breite hat mich schon beeindruckt.“

Das eigentliche Fazit aber ist ein anderes, gezogen von Kulturbetriebsleiterin Karoline Hoell und dem Festivalbüro-Projektmanager Clemens Richert, und zwar (mindestens): Man kann Kultur nicht auf Knopfdruck hochfahren. Karoline Hoell hat durchaus viel Dankbarkeit erfahren dafür, dass es endlich wieder losgeht, doch diese Dakbarkeit stand in keinem Zusammenhang zu den Zuschauerzahlen, so Hoell: „Wir konnten nie einschätzen, wie die Nachfrage tatsächlich sein würde.“

„Wir haben drei echt harte Jahre hinter uns“, so Hoell: 2019 setzte der Wasserschaden dem Theatertreffen ein vorzeitiges Ende, dann kam Corona - und war auch 2022 nicht weg. „Es gibt nichts schlimmeres, als wenn alles vorbereitet ist und man dann das Publikum nach Hause schicken muss“, sagt Karoline Hoell. Das war gleich am zweiten Tag so, als die Wiederholung des Dresdener „Zauberbergs“ abgesagt werden musste, und bei Molieres „Geizigem“ vom Thalia-Theater Hamburg. „Drei Tage vorher durften wir noch die Kapazitäten erhöhen“, berichtet Hoell, das Theater war ausverkauft, doch dann konnte das Ensemble um Iffland-Ring-Träger Jens Harzer gar nicht erst anreisen. So blieb es beim Theatertreffen der Akzente bei insgesamt nur 2.000 Besuchern - was immer noch den größten Posten in der Bilanz ausmacht, gefolgt von den Veranstaltungen der Rheinoper, die mit einer Akzente-Vorstellung im Theater und dem „UFO“ in Bruckhausen rund 1.000 Besucher anzog.

Nur 500 Besucher waren es bei den sieben Veranstaltungen in der Kulturkirche Liebfrauen und damit noch weniger als in dem vergleichsweise kleinen „Plus am Neumarkt“, wo das Kreativquartier Ruhrort einen Großteil seiner Akzente-Beiträge zeigte. Bei maximal 150 Plätzen wären in der Liebfrauenkirche doppelt so viele Zuschauer möglich gewesen. Ausverkauft waren dort „Gaia Gaudi“ der Schweizer Clown-Komödiantin Gardi Hutter und Compagnie sowie die Vorstellung von Kai Magnus Sting - „den hätten wir wahrscheinlich dreimal hintereinander ausverkauft gekriegt“, sagt Clemens Richert. Wie viele Zuschauer aber der preisgekrönte Schauspieler und Geschichtenerzähler Thaddeus Phillips mit seinen (brandaktuellen) „17 Borders Crossing“ oder die französische Bestsellerautorin Veronique Olmi gezogen haben, dass möchte Clemens Richert „überhaupt nicht sagen.“ Sein Eindruck: „Alles, was ein bisschen sperriger ist, wird anscheinend überhaupt nicht angenommen. Ich stelle mir schon die Frage: ‘Warum tun wir‘s?‘, wenn am Ende nur zehn Leute kommen.“

„Wir müssen nochmal reden, wie wir überhaupt arbeiten können“, sagt Karoline Hoell und weist auf den eklatanten Personalmangel hin. Clemens Richert hat sich keine einzige Aufführung ansehen können, musste am Vorabend von Max Bilitzas Tanzperformance „High Field“ sogar noch beim Aufbau mit anpacken, und dann konnte die Aufführung trotzdem nicht wie geplant stattfinden: Von acht vorgesehenen Technikern waren nur zwei da ...

Das Festivalbüro ist seit dem Rauswurf des damaligen Traumzeit-Leiters Tim Isfort über den freiwilligen Abgang Frank Jebavys, altersbedingte Abgänge und Versetzungen an andere städtische Stellen über Jahre ausgeblutet. „Es bleibt bei mir hängen, dass wir uns übernommen haben“, sagt Clemens Richert. „Wir müssen an den Strukturen arbeiten“, sagt Karoline Hoell, es könne und dürfe nicht sein, dass „findet statt“ oder „findet nicht statt“ von einer einzelnen Person abhängt, für die es keine Notfallvertretung mehr gibt. Noch einmal Kulturdezernent Matthias Börger: „Wir sind froh, nächstes Jahr geht‘s weiter.“