1. Niederrhein

Dorothee Bartsch geht in den Ruhestand: Trauer ist die andere Seite der Liebe

Dorothee Bartsch geht in den Ruhestand : Trauer ist die andere Seite der Liebe

Dorothee Bartsch hat 33 Jahre beim Neuen Ev. Forum die Mündigkeit und Selbstständigkeit des Menschen gefördert, jetzt geht sie in den Ruhestand

1958 in ein sozialdemokratisches Elternhaus hineingeboren, in Essen und in Hannover aufgewachsen, Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau, später die Verwirklichung ihres Herzenswunsches: das Studium der Pädagogik in Neuss und Duisburg. Durchgestartet ist Dorothee Bartsch am 1. August 1988 mit ihrem Arbeitsbeginn in der Erwachsenenbildung des Kirchenkreis Moers. „Erwachsenenbildung ist eine Säule des evangelischen Lebens. Bereits Martin Luther wollte, dass die Menschen die Bibel selber lesen und interpretieren konnten. Ihr Verständnis des Evangeliums sollte nicht abhängig sein allein von der Interpretationen der Geistlichen“, erklärt die 62-Jährige, „Erwachsenenbildung unterstützt die Menschen dabei, ihre Mündigkeit herzustellen, sie dient der Emanzipation.“

Gemeinsam mit ihrem damaligen Kollegen, Dieter Zisenis, baute sie diesen Bereich des Kirchenkreises aus. Sie erkundeten, welche Themen in der Region von großer Bedeutung waren. So gab es neben kulturellen Vorträgen auch berufsbegleitende und gesundheitsfördernde Seminare. „Das Gedächtnistraining nach Franziska Stengel wird sicher noch vielen in Erinnerung sein, besonders denen, die daran erfolgreich teilgenommen haben“, lacht Dorothee Bartsch. „Wir haben es über viele Jahre angeboten. Wie auch die Hauskrankenpflegekurse gemeinsam mit der Diakonie.“

„In unseren Veranstaltungen sollte das Evangelium erlebbar werden, also die Botschaft von der jedem Menschen gegebenen Würde und Einzigartigkeit und der unbedingten Liebe Gottes. Das hieß aber nicht, dass nur Christinnen und Christen teilnehmen sollten.“ Im Gegenteil. Als 1989 das Format „Stadtkirchengespräch“ mit anderen Veranstaltern gemeinsam entstand, übernahm sie im Jahr 1996 dafür die Verantwortung. Streitbare und bisweilen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Persönlichkeiten füllten die evangelische Stadtkirche Moers - z. T. bis auf den letzten Platz. Der Theologe Eugen Drewermann kam genauso wie die Schriftstellerin Ulla Hahn oder der wenig konfliktscheue CDU-Politiker Heiner Geißler, der über Martin Luther sprach.

Zu den Highlights ihrer Arbeit gehört der „Trialog“: Vertreterinnen und Vertreter des Judentums, des Christentums und des Islams kamen in dieser mehrjährigen Veranstaltungsreihe miteinander in ein öffentliches Gespräch und konnten von den Anwesenden befragt werden. Themen reichten über die Rolle der Frau in den Religionen über Speisevorschriften bis hin zur Rolle des Gebetes. Z. T. gab es Kooperationen mit dem Schlosstheater Moers. z. B. im Jahr 2015, als das Schlosstheater Lessings ‚Nathan der Weise‘ inszenierte und die drei Religionsgemeinschaften die Aufführung mit Vorträgen und Diskussionen begleiteten, alles mit Blick auf den Begriff „Toleranz“ in Thora, Bibel und Koran.

Glaubenskurse, die befähigen sollten, über die eigenen christlichen Grundlagen sprechen zu können, initiierte und begleitete sie genauso wie sie mit den Kirchengemeinden und anderen Kooperationspartnern Reihen zu verschiedenen Inhalten entwickelte. So entstand z B. der feministisch-theologische Stammtisch gemeinsam mit der Barbara Buchhandlung. Was „Heimat“ bedeutet, war das große gemeinschaftliche Projekt mit Gemeinden, Volkshochschule und der Barbara-Buchhandlung.
„Die geistige Emanzipation und Unabhängigkeit des einzelnen Menschen zu fördern, ist mein politischer Anspruch gewesen. Das war untrennbar mit der engagierten politischen Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse verknüpft. Dieses Verständnis ist tief verankert im Neuen Ev. Forum Kirchenkreis Moers, das ich jetzt verlassen werde. Die derzeitige Reihe zur ‚Digitalisierung’ meiner Kollegin Karin Menzel und Hinrich Kley-Olsen ist ein schönes Beispiel emanzipativer evangelischer Erwachsenenbildung."

Und noch etwas anderes wird Bestand haben: Trauerbegleitung war eine Herzensangelegenheit für Dorothee Bartsch in ihrer Arbeit. „Trauer ist die andere Seite der Liebe und daher unendlich wertvoll für die menschliche Seele. Der Trauer muss Raum und Zeit gegeben werden, damit sie ihr kostbares Potential für die Entwicklung des Menschen entfalten kann.“ In Einzelbegleitungen und Trauergruppen half sie Hilfesuchenden über die schwere Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen hinweg. Damit diese Arbeit auch nach ihrem Weggang weiter fortbestehen kann, hat sie ihrerseits ehrenamtliche Trauerbegleiterinnen und -begleiter ausgebildet. Einige davon sind in Hospizen aktiv oder engagieren sich in den Gemeinden und Einzelbegleitung. Im Rahmen der Familienbildung des Kirchenkreises Moers ist auch geplant, das Elternseminar „Gibt's im Himmel auch Spaghetti?“ weiterhin in Kitas und Familienzentrem anzubieten. Es gibt Müttern und Vätern Sicherheit dabei, mit ihren Kindern über den Tod zu sprechen, etwa wenn der Großvater oder eine Tante verstorben ist.
Wie geht es weiter? „Der Kopf allein entscheidet das nicht; die Seele muss im Neuen ankommen und wohnen können“, lächelt die Diplompädagogin. „Natürlich habe ich Ideen und Visionen, die mir Freude machen. Mein künftiges Amt als Prädikantin in der Ev. Kirchengemeinde Rheinkamp z. B. liegt mir am Herzen, und auch Themen wie Seelsorge und Trauerbegleitung sind mir weiterhin wichtig - auch und gerade im Ehrenamt.“

Trauernde können sich unter Tel.: 02841 / 100 135 oder -156 bei Mechthild Mench über Möglichkeiten der Trauerbegleitung und Kontaktnummern informieren.