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Interview mit Alfred Wendel: „Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt“

Interview mit Alfred Wendel : „Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt“

Nach 15-einhalb Jahren im Amt ist Alfred Wendel vergangene Woche als Intendant der Duisburger Philharmoniker verabschiedet worden. Knapp 500 Zuschauer durften bei den beiden letzten Philharmonischen Konzerten der Saison in der Mercatorhalle jeweils dabei sein. Es gab viel Applaus für die quasi szenische Aufführung von Haydns „Der Apotheker“ - und für Alfred Wendel, den das Publikum als engagierten Macher, charmanten Moderator und absoluten Sympathieträger des Orchesters ins Herz geschlossen hat.

Die Erleichterung darüber, dass wenigstens das letzte Philharmonische Konzert noch stattfinden konnte, war Alfred Wendel schon vorher anzumerken, als Extra-Tipp-Redakteur Thomas Warnecke ihn zum Interview traf.

Bevor wir Bilanz ziehen: Was haben Sie eigentlich die letzten 14 Monate gemacht?

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Alfred Wendel: Wir waren schon ganz gut beschäftigt. Irgendwie können wir ja auch gar nicht nichts tun. Wir haben geschaut, welche Projekte können wir machen? Wir haben natürlich gestreamt, was nicht so leicht war, denn das haben alle gemacht, da waren Filmteams kaum zu bekommen. Und dann haben wir CDs aufgenommen, vier Mendelssohn-Sinfonien und die komplette Schauspielmusik zum „Sommernachtstraum“. Wie viel da drinsteckt! Mendelssohn wird immer noch unterschätzt ... Unsere Musiker haben Altenheime besucht und rund 80 Fensterkonzerte gespielt. Also für uns im Management war’s sogar mehr Arbeit, nur weniger Spaß - weil so viel abgesagt werden musste.

Die Kultur hat ziemlich deutlich vorgeführt bekommen, dass sie nicht an erster Stelle steht, und auch nicht an zweiter ... Fürchten Sie langfristige Folgen?

Für viele Freischaffende war das sehr schlimm. Aber ich glaube umgekehrt, vielen Menschen ist doch durch die Entbehrungen erst klar geworden, was ihnen da fehlt. Ich beneide die Politiker nicht um die Entscheidungen, die sie treffen mussten, aber ich hoffe, dass sie gesehen haben, dass man eben nicht vom Brot allein lebt. Wir hoffen jedenfalls, dass es weitergeht, wir haben ja eine volle Saison geplant, wenn auch vielleicht erstmal mit Einschränkungen bei der Platzkapazität.

Wie sind Sie eigentlich nach Duisburg gekommen?

Durch meine Arbeit fürs Klavierfestival Ruhr. Ich hatte schon als Musikwissenschaftsstudent in Göttingen das Glück, für die dortigen Händel-Festspiele arbeiten zu dürfen. Das hat mir sofort gefallen, das Festivalleben, Trubel zu haben. Meine Doktorarbeit hab ich ja über eine Handschriftensammlung der Renaissance geschrieben, das war schon deutlich einsamer ... Dann habe ich sieben Jahre lang beim Rheingau-Musikfestival Veranstaltungen geleitet, dadurch ergaben sich Kontakte ins Ruhrgebiet. Und dann hat mich Konrad Schilling, er war da schon nicht mehr Kulturdezernent, angesprochen: Duisburg sucht!

Und da hatten Sie keine Angst?

Nein, gar nicht. Ich habe mich auf das tolle, große Orchester gefreut und wusste, dass ein toller neuer Musiksaal im Aufbau war. Auch mit Jonathan Darlington (damals GMD) hat sofort die Chemie gestimmt - und die Chemie ist überhaupt das wichtigste! Dass man Freunde hat neben sich, bei sich, die alle an einem Strang ziehen. Und zu Duisburg: Es ist doch wirklich schön hier.

Und es ging gut los.

Meine Güte, was haben wir alles gemacht! Allein das Kulturhauptstadtjahr 2010 mit dem Wiegenlieder-Projekt und der Sinfonie der Tausend, dann immer wieder Orchestertourneen - und alles neben dem normalen Programm. Da haben wir großes Glück, dass die Kollegen hier im Betriebsbüro immer mitgezogen haben. So ein Konzert wie beispielsweise auf der Regattabahn, das erfordert unheimlich viel Vorbereitung und Manpower.

Und dann spielte der damalige Kulturdezernent Karl Janssen mit dem Gedanken, die Opernehe mit Düsseldorf aufzukündigen.

Also, wenn das nur ein Spiel war ... Wir haben das schon ernst genommen. Wir mussten das ernst nehmen, es hätte für die Musiker den Wegfall von zwei Dritteln ihrer Dienste bedeutet. Wir sind sofort auf die Barrikaden gegangen und konnten gottseidank ganz viele Menschen bewegen, wenn ich an den Abend im Theater mit Frank Peter Zimmermann denke oder das Open-Air-Konzert im Kantpark. Da wurde klar, die Duisburger wollen ihre Oper behalten. Die Rettung des Orchesters war da sicher eine ganz starke Motivation. Es haben uns ja nicht nur unsere treuen Abonnenten und Sponsoren unterstützt, sondern Leute auf der Straße, Fans, und sehr die freie Szene. Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt.

Neben diesen Erfahrungen, was waren Ihre persönlichen Highlights?

Vielleicht sind das schon solche großen Sachen wie die Sinfonie der Tausend, weil sie eben wirklich so spektakulär sind mit all den vielen Beteiligten. Auch die Open-Air-Konzerte ... Das Serenadenkonzert an der Regattabahn war schon was ganz besonderes, mit all den Schwierigkeiten - wir hatten tagelang sinkende Wasserstände, da wurde das mit der schwimmenden Bühne echt eng! Und dann die tolle Stimmung, so Glyndebourne-mäßig, aber ganz ruhrgebietstypisch. Auch an viele „ganz normale“ Konzerte erinnere ich mich gerne, zum Beispiel das erste Konzert dieser Saison mit Carolin Widmann. Da waren alle unheimlich froh, dass es wieder losging. Da entwickeln sich dann große Emotionen, weil alle mit Inbrunst dabei sind.

Das Publikum hier hat’s ja eh gerne mit Schmackes ...

Klar: Wir spielen gerne in großer Besetzung, wir wollen ja auch die ganze Mannschaft zeigen. Damit was über die Rampe kommt. Insofern war Wagners Ring schon unvergesslich überwältigend in der Merctorhalle. Diese einmalige Chance: Im Orchestergraben wäre nicht genug Platz gewesen, aber jetzt konnten wir sagen: Komm, wir packen alle vorgesehenen Harfen auf die Bühne!

Was ist zu tun, damit so was auch in Zukunft geht?

Ich glaube, wir müssen noch mehr in die Stadtgesellschaft rein. Uns öffnen, zeigen, dass wir da sind, jüngeres Publikum anlocken - wenn wir die erstmal bei uns haben, springt der Funke schon über! Ein Orchester für die ganze Stadt, da muss die Reise hingehen.

Und Ihre Reise?

Meine Frau und ich bleiben im Ruhrgebiet, wir haben viele Freunde hier in der Region. Und wir werden auch noch in die Konzerte gehen, aber wir kommen dann ganz entspannt an. Weitere Pläne? Vielleicht hole ich meine Trompete mal wieder aus’m Kasten ... Erstmal genieße ich es, keine Verpflichtungen zu haben. Denn bei dieser Arbeit denkt man doch immer daran; die Arbeit ist ja nie fertig.