Das sehnsüchtige Warten auf nächtliche Abkühlung – das kennen viele im Hitzesommer 2026. Nächtliche Kaltluftströme sind aber auch für das Stadtklima von großer Bedeutung. Welche Wege solche Ströme nehmen und wie sie sich auswirken, untersuchen die Städte Mönchengladbach und Viersen jetzt in einem gemeinsamen Smart-City-Forschungsprojekt. Dafür haben die Verantwortlichen an 60 Standorten Messstationen aufgebaut, 49 davon in Mönchengladbach.
Messauto und Drohne sind nur einmal im Einsatz und helfen, zum Projektauftakt eine bessere Datenlage zu erhalten. Die permanente Erforschung der Kaltluftströme erfolgt über die in beiden Städten verteilten und fest installierten Sensoren. Wie die Messstationen aussehen, lässt sich an einem Laternenpfahl nahe der Evangelischen Hauptkirche in Rheydt oder am Sparkassenvorplatz in Viersen in Augenschein nehmen. Auffälligster Bestandteil ist ein weißer Metallkörper mit spiralförmigem Lüftungsschlitz, in dem sich der Temperatursensor befindet. Während eine Windfahne und ein Löffelrad Windrichtung und -stärke bestimmen, steckt die Funktechnik in einem grauen Kasten. Über das sogenannte LoRaWAN-Protokoll bringt sie die Daten in Echtzeit auf die städtischen Server.
Als urbane Referenzfläche liefert der Standort in Rheydt Messwerte, die mit Daten aus Grünräumen, offenen Ackerflächen und weniger dicht bebauten Bereichen verglichen werden. Die Stationen stehen dafür entlang ausgewählter Messachsen, sogenannter Transekte, die von Freiflächen über Übergangsbereiche bis in dicht bebaute und stark versiegelte Quartiere reichen.
Kaltluft entsteht vor allem in klaren und windschwachen Nächten, wenn unbebaute Flächen wie Wiesen, Felder und Parks stärker abkühlen als bebaute Bereiche. Um die Prozesse über längere Zeit systematisch untersuchen zu können, fehlen noch Messdaten. Die neuen Stationen erfassen deshalb u.a. Temperatur, Wind und Bodenfeuchte, während ergänzende Messkampagnen einzelne Wetterlagen genauer in den Blick nehmen sollen.
„Tagsüber erwärmt sich die Luft über der Stadt, steigt auf und wird durch Luftströmungen weitertransportiert. Gleichzeitig kühlen sich nachts vor allem Grün- und Freiflächen ab, von denen aus Kaltluft in die bebauten Quartiere strömen kann. Den Zusammenhang – von der Entstehung der Kaltluft über ihre Bewegung bis zu ihrer Wirkung in der Stadt – möchten wir besser verstehen“, sagt Daniel Brown, Chief Digital Officer der Stadt Viersen. „Entscheidend ist, dass wir die Wege der Kaltluft möglichst genau nachvollziehen können. Die Daten können uns künftig beispielsweise Hinweise darauf geben, wo Strömungen ausgebremst werden und wo Grün- und Freiflächen ihre kühlende Wirkung besonders gut entfalten. Daraus lassen sich konkrete Erkenntnisse für Klimaanpassung und Stadtplanung ableiten“, sagt Chris J. Demmer, Smart-City-Koordinator der Stadt Mönchengladbach.
In Mönchengladbach reichen die untersuchten Räume von den Ackerflächen in Mülfort über den renaturierten Bungtbach, Hoven und den Geropark bis zu urbanen Vergleichsflächen am Marktplatz Rheydt, im Zentrum und an der Landgrafenstraße. Zum Messnetz in Viersen gehört u.a. der Bereich Löhweg und Petersstraße.
Das gemeinsame Messnetz ermöglicht eine Betrachtung größerer räumlicher Zusammenhänge. Sobald ausreichend Messwerte vorliegen, beginnen die Auswertungen, aus denen etwa Karten und Vorhersagen entwickelt werden sollen.
Das Kaltluftstrom-Messnetz ist Teil der Smart-City-Maßnahme KlimaPlus und wird im Rahmen des Förderprogramms „Modellprojekte Smart Cities“ umgesetzt. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen übernimmt 90 Prozent der Kosten, Mönchengladbach zehn Prozent.