Herr Lege, Sie zerlegen in Ihren Sendungen gnadenlos die Tricks der Lebensmittelindustrie – gibt es ein Produkt, das Sie privat trotzdem mit einem schlechten Gewissen essen?
Ja, das gibt es tatsächlich. Für koreanische Instant-Nudeln (die vor allem aufgrund des hohen Gehalts an Salz und Transfettsäuren das Risiko erhöhen, an Herz- und Kreislaufleiden zu erkranken; Anmerkung der Redaktion) habe ich schon lange eine Schwäche.
Viele Zuschauer feiern Sie als Aufklärer, manche Hersteller sehen das sicher anders: Gab es schon einmal ernsthaften Gegenwind oder sogar juristische Drohungen?
Juristische gedroht wurde mir persönlich bislang noch nie. Allerdings ist es mal vorgekommen, dass einige der berühmtesten Lebensmittelhersteller – Namen möchte ich hier keine nennen – sich zusammengetan haben und mit einer Schar von Anwälten im Schlepptau beim ZDF sturmgelaufen sind.
Hatte das Konsequenzen für Sie?
Für mich selbst nicht, ich bin ja nur der Presenter und als solcher für die Inhalte der Sendungen nicht zuständig. Dafür zeichnet nur das ZDF verantwortlich – und dort verfügt man über eine hervorragende Redaktion, die die Themen gut durchrecherchiert und somit kaum Angriffsflächen bietet. So ist es bislang eigentlich immer ganz gut gelungen, denjenigen, die hier juristisch vorpreschen, auch schnell wieder den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Sie wissen besser als die meisten, was wirklich in Fertigprodukten steckt – wie entspannt können Sie überhaupt noch einkaufen gehen?
Tatsächlich sehr entspannt, da ich auf verarbeitete Produkte weitgehend verzichte und stattdessen vor allem Rohkostprodukte einkaufe, mit denen ich dann frisch, gesund und abwechslungsreich kochen kann.
Ist „Clean-Eating“ – also der ausschließliche Verzehr natürlicher, unverarbeiteter und vollwertiger Lebensmittel – für Sie denn ein realistisches Ziel? Oder ist es dann letztlich doch eher ein Marketingbegriff mit gutem Image?
Ich finde das sogar super wichtig, denn genau da müssen wir wieder hin. Weg von den genmanipulierten Nahrungsmitteln hin zu qualitativ hochwertigen Rohstoffen. Gerade die kleinen Bauern arbeiten hier vorbildlich, da sie in der Regel ausgezeichnetes Saatgut verwenden. Von dieser Top-Qualität profitieren wir als Konsumenten dann in doppelter Hinsicht – einmal in Form des höchstmöglichen Genusses und dann natürlich auch über den Impact, den eine solche Ernährung auf unseren Körper hat. Schließlich geht mit ihr eine höhere Bioverfügbarkeit, also eine erhöhte Aufnahme und Nutzung von Nährstoffen aus den Lebensmitteln, einher.
Was ist der größte Irrglaube, den Verbraucher über gesunde Ernährung haben?
Die Menschen denken oft, dass es gesundes und ungesundes Essen gibt. Das stimmt aber nicht. Eigentlich gibt es nur natürliches und unnatürliches – weil hochverarbeitetes – Essen.
Wenn Sie Schulkindern nur eine einzige Regel für den Umgang mit Lebensmitteln mitgeben dürften – welche wäre das?
Ganz einfach: Esst so bunt wie möglich! Und mit „bunt“ meine ich jetzt natürlich keine Zuckerstreusel, auch keine behandelten Produkte, sondern möglichst viele verschiedene Lebensmittel, die möglichst bunt miteinander kombiniert werden. Das Essen sollte auf dem Teller aussehen wie eine Lego-Kiste.
Sie verbinden kulinarisches Handwerk mit investigativer Recherche: Fühlen Sie sich manchmal mehr als Journalist denn als Koch?
Ich würde mich selbst als kulinarisch-emotional bezeichnen. Dadurch bediene ich im Grunde beide Seiten. Einerseits bin ich leidenschaftlicher Koch, andererseits bin ich auch Technologe, der bei der Arbeit mit Lebensmitteln großen Wert auf die wissenschaftliche Komponente legt. Beide Dimensionen finde ich wichtig.
Welche Rolle spielt Genuss in einer Welt, in der Essen immer stärker moralisch bewertet wird – Bio, vegan, nachhaltig, regional?
Das lässt sich relativ leicht beantworten: Alles, was radikal ist, ist schädlich für den menschlichen Organismus. Im Grunde geht es darum, die Balance zu halten. Unsere Ernährung sollte daher – wie gerade schon gesagt – abwechslungsreich und bunt sein und ein Höchstmaß an Rohstoffen beinhalten. Saisonale und regionale Lebensmittel spielen hierbei ebenfalls eine wichtige Rolle und sind Aspekte, die es im Interesse einer Ernährung der höchsten Qualitätsstufe – und somit auch der höchsten Genussstufe – zu fördern gilt.
Gibt es einen Lebensmitteltrend, der Sie aktuell besonders ärgert – und warum?
Ja, und zwar im Bereich des viralen Essens dieser Trend des Overloadings von Snack- und Zuckerprodukten. Um Reichweite in den sozialen Medien zu erreichen, werden – teilweise ohnehin schon riesige – Essensportionen mit anderen Produkten weiter überladen: Desserts werden literweise mit Schokoladensauce übergossen, Hamburger oder Hot Dogs in Käsesauce geradezu ersoffen... Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln, zumal durch solch einen Input gesellschaftlich ein extrem negativer Einfluss ausgeübt wird.
Was würden Sie sich mit Blick auf die Lebensmittelbranche von Politik und Industrie wünschen?
Auf jeden Fall müssen wir unsere Landwirtschaft viel mehr unterstützen. Bauern sollten richtige Stars werden, wenn es nach mir geht. Gerade junge Landwirte müssen mehr Förderungen erhalten. Es gibt so viele coole junge Bauern und keiner sieht sie – das ärgert mich. Auch dass sie keine vernünftigen Preise mehr für ihre Produkte erzielen. Außerdem sollte viel mehr in die Agrarforschung investiert werden.
Wie hat Ihre Arbeit Ihren eigenen Geschmack verändert? Essen Sie heute anspruchsvoller als früher?
Ich esse auf alle Fälle bewusster und rohstoffselektiver. Wichtig ist mir dabei auch sehr, dass Abwechslung auf dem Gaumen herrscht. Da gibt es an einem Tag zum Beispiel Pad Kra Pao, ein sehr beliebtes thailändisches Street-Food-Gericht, das mit Reis und meist einem knusprigen Spiegelei darüber serviert wird, und am nächsten Tag dann Roastbeef mit Bratkartoffeln. So wie manche Menschen immer eine neue Serie brauchen, wenn sie alle Folgen der vorherigen geschaut haben, brauche ich immer eine neue Geschichte auf meiner Zunge.
Damit direkt zur nächsten Frage: Was kommt denn überhaupt bei Sebastian Lege zu Hause so auf den Tisch, wenn wirklich keine Kamera läuft?
Das ist dann natürlich ganz gemischt. Allerdings mag ich besonders die asiatische Küche. Japanisch, Koreanisch, Laotisch, Szechuan-Küche... und gerne mit viel Gemüse. Ich liebe es, wenn der Tisch bunt ist. Zurzeit gibt es etwa so tolle Kohlsorten, und auch mit Kürbis lassen sich tolle Sachen zaubern. Dafür kann man dann lieber mal den Reis weglassen. Generell finde ich es aber auch wichtig, sich mit seinem Essen bewusst auseinanderzusetzen und die Mahlzeiten damit auch zu emotionalisieren. Voraussetzung dafür ist aber, dass man das Essen überhaupt erst einmal wieder ritualisiert und zelebriert, statt es einfach nur auf den Tisch zu knallen. Leider ist dieses Ritualisieren heute etwas verloren gegangen. Kinder sollten eigentlich von früh auf lernen, das Essen etwas Besonderes ist. Ein Gedanke, der in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft, definitiv zu kurz kommt. Immer noch werden in Deutschland 300 Kilogramm Lebensmittel pro Sekunde weggeworfen – eine schlimme Statistik.
Ursprünglich waren Sie Koch, haben dann als Händler und Produktentwickler gearbeitet – schließlich dann der Schritt ins Fernsehen und heute sind Sie obendrein Medienunternehmer. Wie kam es zu diesem Wechsel aus der Food-Branche in die Medienwelt?
Das hat alles damit angefangen, dass ich Nelson Müller (dem Gastronom und TV-Koch; Anmerkung der Redaktion) mal am Telefon Fisch verkauft habe. Er meinte dann zu mir, dass das ZDF gerade nach jemandem sucht, der Supermarktprodukte nachkochen kann. Das war sozusagen der Startschuss für mich. Alles andere hat sich dann mit der Zeit entwickelt. Ich bereue den Schritt in die Medienbranche auch überhaupt nicht. Seit fünf Jahren fahre ich jetzt Rekordquoten ein, das bestätigt mich schon sehr. So wie jetzt finde ich es auch alles gerade ganz schön, das kann gerne so bleiben.
Gebürtig kommen Sie ja aus Bremen, leben aber jetzt schon seit inzwischen acht Jahren in Meerbusch. Was hat Sie hierhergebracht? Und gibt es etwas, das Ihnen besonders an Meerbusch gefällt?
Es war jetzt nicht in erster Linie eine Entscheidung für Meerbusch, vielmehr habe ich hier ein tolles Haus gefunden, das genau meinen Wünschen entsprach, und bin deshalb hierhergezogen. Allerdings muss ich sagen, dass ich an Meerbusch alles liebe. Die Menschen in Meerbusch sind sehr nett und haben mich mit offenen Armen empfangen. Auch in Rathaus und Bürgerbüro wurde ich von Beginn an immer freundlich begrüßt – das ist ja auch nicht unbedingt überall gang und gäbe. Als Person des öffentlichen Lebens kommt es natürlich auch hier vor, dass mich Leute erkennen. In der Regel grüßen sie dann aber auch einfach nur höflich. Das ist ja sowieso etwas, das mir sehr gefällt – wenn ich draußen spazieren gehe und mir die Menschen, die mir begegnen, die Tageszeit ansagen.