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Gastspiel im Theater Duisburg: Grandioser „Menschenfeind“

Gastspiel im Theater Duisburg : Grandioser „Menschenfeind“

Ein bald 356 Jahre altes Stück fast ohne Handlung und nur mit Dialogen - auch noch in Reimen! - sorgt für Lacher, anderthalb Stunden Kurzweil und am Ende donnernden Applaus im sicherheitshalber nicht voll besetzten Theater Duisburg.

Na gut, nur Dialoge stimmt nicht ganz: Florian Lösche hat für Anne Lenks Inszenierung von Molières „Menschenfeind“ am Deutschen Theater Berlin, die jetzt in Duisburg gastierte, den Bühnenraum mit eng und straff gespannten Gummibändern umwickelt. Zwischen denen hängen vorzugsweise die beiden Witzfiguren Acaste und Clitandre (Jeremy Mockridge und Elias Arens) ab und herum, und durch sie hindurch ploppen alle auf die Bühne und wieder heraus - eine witzige Variante des komödientypischen Tür-auf-Tür-zu-Spiels und als Käfig bzw. Gummizelle ein bisschen Metapher, mit den schwarz-grau-blau- bis maximal weißen Kostümen im brillanten Licht ein bisschen Experimentierlabor.

Hauptdarsteller: die Sprache. Ok, etwas platt, aber: Es sitzt wirklich jeder Satz. Klar, Ulrich Matthes als Menschenfeind Alceste ist der Star und ist es auch wirklich, vielleicht, weil sein Brustton der Überzeugung noch etwas raumgreifender rüberkommt: alles aufgeblasene Wichte um mich, alle falsch - man kennt solche Schimpftiraden, aus Doku-Soaps oder vom Thresen, und muss lachen. Im Philinte von Manuel Harder hat er einen anfangs verhaltenen, dann aber vor allem pragmatischen Gegenspieler von manchmal aufreizender Gelassenheit. Timo Weisschnur gibt den Stutzer Oronte als Clever-&-Smart-Comic-Volldepp aus scheinbar dem gleichen Material wie die Wandbespannung. Lisa Hrdina ist tapfer die Ungeliebte, Judith Hofmann als intrigant-divinöse Arsinoé quasi das Zerrspiegelbild zum Menschenfeind. Franziska Machens als die von allen (sehr zu recht!) geliebte Célimène klingt dann wirklich, Verse hin oder her, vollkommen wie von heute. Ihr gegenüber wird der hochtrabende selbsternannte Wahrheitsfanatiker Alceste tatsächlich zum Heuchler (und bemitleidenswert); dass er ihr das Spiel der Gesellschaft, Geselligkeit, Öffentlichkeit um der „wahren“ Liebe willen verbieten will, das ist eben tatsächlich menschenfeindlich (und jetzt in der Coronapandemie mehr als eine Pointe).

Dass Schauspielchef Michael Steindl die Produktion des Deutschen Theaters Berlin, die dort schon gefeiert (u. a. bei der Premiere von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel) und u. a. zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, für zwei Abende in Duisburg gewinnen konnte, ist ein Erfolg und Glücksgriff - im Wortsinne als Griff nach ebendem Glück, das Sprechtheater bedeutet und das als eigenes, festes, professionelles und öffentlich gefördertes Ensemble Duisburg so unsagbar fehlt.

Eigenes gedeiht aber trotzdem: Die nächste Premiere einer Produktion des Schauspiels Duisburg ist am 22. Januar „Orlando“ nach dem Roman von Virginia Woolf mit Friederike Becht in der Titelrolle - einem Menschen, der 350 Jahre lebt, aber nur 20 Jahre älter wird, als Junge zur Welt kommt und eines Tages als Frau aufwacht (weitere Aufführungen am 25. und 29. Januar, 5. und 13. Februar sowie im April). Karten: 0203 283 62 100

Die nächsten Gastspiele erlebt das Theater Duisburg ab dem 11. März zum Theatertreffen der 43. Duisburger Akzente