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Industriekulturdenkmal erweitert: Die Küppersmühle ist fertig!

Industriekulturdenkmal erweitert : Die Küppersmühle ist fertig!

Mehr geht nicht: Näher als 40 Meter darf das Museum Küppersmühle nicht an die A 59 heran. Mehr geht aber auch sonst kaum: Eine der bedeutendsten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst hat jetzt noch mehr Platz. Der Erweiterungsbau der Küppersmühle ist fertig und endlich begehbar.

Wie schon 1997 beim Umbau des seit 1972 leerstehenden Gebäudekomplex’ zum Museum zeichnen erneut Jacques Herzog und Pierre de Meuron verantwortlich. Ausweislich ihrer Projekte - Tate Modern, Allianz-Arena, Elbphilharmonie - und Auszeichnungen (Pritzker und Praemium Imperiale) absolute Weltspitze, konnten es die Basler Architekten diesmal etwas ruhiger angehen lassen.

Obwohl: Auch bei der Erweiterung der Küppersmühle wollten sie ja hoch hinaus. Ihr erster Entwurf sah jenen viel geschmähten „Schuhkarton“ vor, den leuchtenden Evonik-Werbequader oben auf den Silos, auf Augenhöhe mit der Autobahnbrücke. Es wurde nichts draus, das Stahlgerüst war von vornherein Schrott, ihr Hersteller insolvent. Der städtischen Baugesellschaft GEBAG hätte das Desaster fast das Genick gebrochen. Da sprangen Sylvia Ströher, Urenkelin des Wella-Gründers Franz Ströher und spätestens seit dem Verkauf des Haarpflegeherstellers für kolportierte sechs Milliarden Euro unter den 50 reichsten Deutschen, und ihr Mann Ulrich ein, die 2005 ihrer 800 Werke umfassenden Sammlung die 700 Werke umfassende von Küppersmühle-Gründer Hans Grothe einverleibt und damit eine der umfangreisten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst geschaffen hatten. Sie übernahmen den Gebäudekomplex in ihren Besitz und die alleinige Bauherrschaft für den nächsten Versuch zur Erweiterung, der jetzt mit mäßiger Verspätung fertiggestellt und zu besichtigen ist.

Vom gegenüberliegenden Innenhafenufer ist kaum was zu erkennen. Der Erweiterungsbau fügt sich in Material und Dimensionen so nahtlos an den Backsteingiganten an, als hätte er immer schon dazugehört; man muss schon wissen und sich erinnern, dass links von den Silos früher Schluss war. Jetzt bildet den Abschluss eine spitzwinklig zur Wasserfront stehende, haargenau parallel zur Autobahn verlaufende Außenwand mit Schriftzug „Küppersmühle“, wie alles außenrum ebenfalls aus Backstein. In der 40-Meter-Anbauverbotszone zwischen Bau und A 59 grünen neugepflanzte Platanen gegen das triste Ende des Innenhafens an.

 Die Brücken im spektakulären Silo-Durchgang.
Die Brücken im spektakulären Silo-Durchgang. Foto: MKM Küppersmühle/Herzog & de Meuron/Simon Menges

Innen sind zur bisherigen Ausstellungsfläche von 3.200 Quadratmetern nochmal 2.500 für die Sammlungspräsentation hinzugekommen, wie schon im Altbau als helle, hohe White Cubes. Besonders beeindruckend ist der alleine schon 450 Quadratmeter große, sieben Meter hohe Oberlichtsaal im dritten Stock mit Sheddach, der typischen Werkshallenbedachung, die der wasserseitigen Fassade außen die Zahnkrone aufsetzt.

 Das neue Treppenhaus aus terrakottafarben bestrichenem Sichtbeton übernimmt Material und Farbgestaltung vom Treppenhaus des Altbaus.
Das neue Treppenhaus aus terrakottafarben bestrichenem Sichtbeton übernimmt Material und Farbgestaltung vom Treppenhaus des Altbaus. Foto: MKM Küppersmühle/Herzog & de Meuron/Simon Menges
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Gründungsdirektor Walter Smerling kann aus dem Vollen schöpfen; Großkünstler wie Emil Schumacher, K. O. Götz oder Anselm Kiefer sind zum Teil mit ganzen Werkgruppen vertreten. Bei der auch im Altbau neu gehängten Sammlungspräsentation verrät er eine Vorliebe fürs Informel und seine gestisch-expressiven Nachfolger, gerne großformatig; Josef Albers‘ farb- und formstrenge konkrete Malerei hängt ziemlich alleine da. Dieses ewig abstrakte Wühlen im Nachkriegstrümmerschlamm bis hinauf zur im Oberlichtsaal nachgeholten Hommage für Erwin Bechthold kann dann schon etwas ermüden; ab Januar soll dort oben Sigmar Polkes Werkzyklus „Original und Fälschung“ gezeigt werden, der dem Haus das geben könnte, was ihm trotz aller jetzigen Vollendung (oder deswegen) doch sehr fehlt: Humor.  Da wird das gänzliche Fehlen des Jubilars Joseph Beuys verdächtig: Sein Werk führt die Gleichung Kunst-Kapital möglicherweise doch zu deutlich vor Augen.

Sei’s drum, die aktuelle Sonderausstellung mit der Retrospektive von Andreas Gursky hat zum Komplex Kunst und Kapital auch einiges beizutragen und setzt mit ihrer hyperauflösenden Gegenständlichkeit einen augenlustigen Kontrapunkt zum immerdunklen Raunen der Altvorderen.

Und das Beste hätten wir fast vergessen: den Übergang zwischen Alt- und Anbau nämlich, der durch die alten Silos führt. Sechs davon haben Herzog & de Meuron innen herausgeschnitten; man wandelt zwischen den freigelegten Stempelpfeilern wie durch eine Säulenhalle und blickt nach oben wie in einen Schacht, den Lichthof zu nennen seine gähnende Düsternis verbietet; auf den Brücken, die diesen Schacht in den beiden oberen Geschossen durchqueren, kann einen der Schwindel packen. Das schreit nach Inszenierung – und draußen obendrauf wird demnächst noch eine Aussichtsplattform eröffnet.

Öffnungszeiten: mittwochs 14 bis 18 Uhr, donnerstags bis sonntags sowie feiertags 11 bis 18 Uhr.

Donnerstags haben Duisburger freien Eintritt.